Wir trafen uns zum ersten Mal auf der Strasse. Beppi wohnte in der Nachbarschaft, und man sah ihn oft draussen bei den Leuten stehen. Er unterhielt sich gerne mit allen, und so kam auch ich eines Tages mit ihm ins Gespräch.
Mit seinen über achtzig Jahren war er ungewöhnlich fit, und sein Gesicht strahlte eine erstaunliche Frische und Schönheit aus. Er war verwitwet und lebte allein in seinem Haus. Sein Leben lang hatte er mit Steinen gearbeitet. Wenn er von seinen Maurer- oder Pflasterarbeiten erzählte, geriet er regelrecht ins Schwärmen. Steine waren für ihn wie Blumen.
Sein grosses Hobby war das Tanzen. Oft erzählte er mir von den Tanznachmittagen und den Damen, die er dort traf. Er liebte alle Frauen und verstand es, auf charmante Weise mit ihnen zu flirten. Er war ein Gentleman – stets anständig und immer fröhlich. Ich mochte ihn sehr gern.
Einmal lud er mich zum Tanzen ein. Leider kann ich überhaupt nicht tanzen, aber ich dachte mir, mit ihm würde es sicher ganz gemütlich gehen – das schaffe ich schon. Beppi war sichtlich stolz, vor den Augen der durchwegs älteren Gesellschaft eine junge Frau zum Tanz auffordern zu dürfen.
Entgegen meiner Erwartungen hatte er jedoch ordentlich Schwung drauf. Ich muss dabei ein ziemlich schlechtes Bild abgegeben haben. Jedenfalls meinte er am Schluss trocken, ich sei steif wie ein Brett. Wir mussten beide herzlich lachen.
Das Tanzen mit ihm liess ich fortan bleiben. Wir trafen uns jedoch weiterhin immer wieder, und ab und zu kam er auch zu unserem Mittagstisch in der Stadt.
Eines Tages brach er sich den Fuss, und damit begann für ihn ein längerer Leidensweg. Sein Humor blieb jedoch ungebrochen. Ich erinnere mich besonders an einen Besuch im Krankenhaus. Wir hatten solchen Spass miteinander. Während er sich im Bett ausruhte, sass ich in seinem Rollstuhl und tat so, als hätte ich den Fuss gebrochen.
Während seiner Zeit im Krankenhaus beschloss Beppi, seinen Haushalt aufzugeben und in ein Altersheim zu ziehen. Er lebte sich gut in seinem neuen Zuhause ein und alle mochten ihn. Auch sein Fuss heilte wieder, und er konnte sogar wieder tanzen gehen.
Unsere Kontakte wurden jedoch seltener. Das lag sicher auch daran, dass das Altersheim in einem anderen Dorf lag und wir uns nicht mehr auf der Strasse zufällig begegneten. Auch sah man ihn kaum noch in der Stadt.
Doch das letzte Mal, als ich ihn traf, sass er in einem Strassencafé. Ich freute mich sehr und setzte mich zu ihm. Dasselbe schelmische Lachen, dieselben funkelnden Augen – er war einfach unverwüstlich. An meinen Namen konnte er sich allerdings nicht mehr erinnern. Sein Gedächtnis hatte stark nachgelassen. Trotzdem hatten wir einen fröhlichen Schwatz, bevor ich meinen Weg fortsetzte.
Kürzlich kamen wir ganz zufällig auf Beppi zu sprechen. Während des Erzählens verspürte ich plötzlich das Bedürfnis, ihn zu besuchen und nachzusehen, wie es ihm geht.
Am nächsten Tag hielt ich auf dem Nachhauseweg beim Altersheim an. Ich betrat die Eingangshalle und suchte auf der Bewohnerliste nach seinem Namen und seiner Zimmernummer. Da kam eine Pflegerin auf mich zu und fragte, wen ich suche.
„ Beppi, Ich möchte Beppi besuchen.“
In diesem Augenblick trugen Männer einen Sarg an uns vorbei zum Ausgang.
„Dort tragen sie ihn hinaus“, sagte sie sichtlich berührt. „Er ist heute Nacht friedlich eingeschlafen.“
Lieber Beppi,
hast du mich gerufen? Wolltest du dich noch verabschieden? So, wie du warst – ohne viele Worte, aber mit diesem schelmischen Zwinkern in den Augen …
In einem wunderschönen Sarg haben sie dich zu Grabe getragen. Du hast das Leben geliebt. Dein Lachen und deine positive Lebenseinstellung werde ich nie vergessen.
Lebe wohl, lieber Beppi.
…wer Abschied nimmt, möchte in unseren Herzen bleiben

Sehr anrührend. ✨✨✨
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danke vielmals!
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Was für ein Zusammentreffen! Danke für die liebevollen Erinnerungen an Matis, herzliche Grüße, Ina.
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