„Sie fuhren senkrecht die Wände runter!“

Mein guter, alter Freund Hermann musste wegen einer Routineuntersuchung ins Krankenhaus. Niemand rechnete damit, dass er länger als eine Nacht dort bleiben musste. Kurz nach der Untersuchung erlitt er jedoch unerwartet einen Herzstillstand und musste reanimiert werden. Anstatt am nächsten Tag nach Hause gehen zu dürfen, lag er nun auf der Intensivstation.
Nachdem er sich etwas erholt hatte, besuchte ich ihn auf seinem Zimmer, und da erzählte er mir ganz aufgeregt folgende Geschichte, welche sich offenbar am Vorabend ereignet hatte:

„Wirklich, Brig, es war ein Missverständnis. Ich kann hier nicht gut schlafen, und deshalb habe ich der Nachtschwester geklingelt. Ich wollte ihr auf humorvolle Weise mitteilen, dass ich nicht schlafen kann, und sagte zu ihr, dass ich vor lauter Schlaflosigkeit schon richtig hässlich aussehe.
Aber sie muss verstanden haben, dass ich jetzt so richtig hässig sei, weil man hier nicht schlafen könne. Das hat sie wohl nicht gerne gehört. Wahrscheinlich hat sie schon viel Erfahrung mit Patienten, die ewig nörgeln und ungeduldig sind. So dachte sie wohl: Dem spiele ich jetzt einen Streich! Ob dieser nun humorvoll gemeint war oder nicht, sei dahingestellt, jedenfalls war’s nicht schön.
Erst sollte ich eine Schlaftablette schlucken, was ich auch tat. Alsbald bemerkte ich, dass sie das Zimmer präpariert hatten. Es sah aus wie eine U-Bahnstation mit braun-gräulichen Wänden, an denen langsam Lastwagen von der Decke entlang den Vorhängen hinunter zum Fussboden fuhren. An einem Zeitungskiosk war ein Hinweis angebracht, dass ich ein Kindsmörder sei. Sogar meine Fingerabdrücke waren dort zu sehen. Womöglich gab es auch eine Kamera.
Neben mir lag der Mann, der vorher schon da gelegen hatte, was mich sehr verwunderte, denn das Zimmer war ja mittlerweile präpariert worden.


An meinem Handgelenk hatten sie einen Beutel mit einem halben Liter Blut befestigt. Ich suchte ein Messer, um den Beutel wegzuschneiden. Es muss mir tatsächlich gelungen sein, denn plötzlich war alles voller Blut – ich, der Boden, einfach alles. Fast wäre ich noch darauf ausgerutscht. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte, und dachte: Wenn die mir schon so einen Streich spielen, dann gehe ich jetzt gleich mit der ganzen Sauerei ins Stationszimmer. Die sollen nur schauen!
Aber dort war niemand. Ich wusste nicht mehr, wohin ich sollte. Da schauten mich plötzlich zwei entgeisterte Augenpaare an. Ich fragte, ob sie die Polizei holen würden.
Jemand packte mich und stellte mich unter die Dusche, während ein junger Mann ausländischer Herkunft damit beschäftigt war, den Boden zu putzen.“

Bis hierhin hatte ich ruhig zugehört, aber ich muss gestehen, dass ich anfing, an der Zurechnungsfähigkeit meines Freundes zu zweifeln. Nachher würde ich das Stationspersonal aufsuchen, um mir Klarheit über die Geschichte zu verschaffen.
Zunächst bot ich ihm jedoch mitfühlend an, die Schwester zu rufen, damit wir das Geschehene gemeinsam mit ihr klären könnten. Er wollte das aber nicht, sondern meinte, dass auch der Arzt involviert gewesen sei und jemand Fotos gemacht habe, die nun sicher in den sozialen Medien kursierten. Aber er sei ganz bestimmt kein Kindsmörder. Alles sei nur ein grosses Missverständnis.

In diesem Moment klopfte es an die Tür, und die Schwester trat ein.
„Guten Tag, Herr Lehmann, wie geht es Ihnen?“, fragte sie freundlich. „Haben Sie sich von den nächtlichen Ereignissen erholt?“
„Wie bitte?!“, dachte ich bei mir. „Dann muss doch etwas Wahres an der Geschichte sein.“
Ohne Hermanns Antwort abzuwarten, fragte ich zurück: „Was geschah denn in der Nacht?“
Die Schwester wollte nicht so recht mit der Sprache herausrücken und erwiderte:
„Was hat er Ihnen denn erzählt?“
„Na ja, er meinte, Sie hätten ihm einen Streich gespielt!
„Nicht wir haben ihm einen Streich gespielt, aber die Schlaftablette hat es getan. Es kommt selten vor, aber es passiert.

Wir haben ihm gestern Abend auf seine Bitte hin eine halbe Schlaftablette gegeben, mit dem Angebot, auch noch die andere Hälfte verlangen zu dürfen, falls die Wirkung nicht ausreichen sollte. Leider hat bereits die halbe Tablette zu stark gewirkt und Halluzinationen ausgelöst.
Da seine Herzaktivität über den Monitor überwacht wurde und dieser mit dem Stationszimmer verbunden war, bemerkten wir wenig später eine merkwürdige Veränderung auf seiner Herzkurve. Das veranlasste uns, sofort nach ihm zu sehen.
Wir fanden ihn am Eingang seines Zimmers in einer Lache von Urin stehend vor. In seiner Verwirrtheit hatte er es irgendwie geschafft, den Urinbeutel aufzureissen und sich von allen Schläuchen und Kabeln zu befreien. Das Erste, was er wissen wollte, war, ob wir die Polizei rufen würden. Aber dafür gab es natürlich keinen Grund. Wir hoffen nun, dass er im Einzelzimmer besser schlafen kann.“

Ende gut, alles gut? Hermann wurde eine Woche später entlassen. Aber in seinem Kopf fahren die Lastwagen bis heute (zwei Jahre später) von der Decke herunter. Auch der Beutel mit dem Blut geht ihm nicht aus dem Kopf. War es nun Blut oder Urin? Und ob der Kindsmörderverdacht nicht schon längst durch alle Medien gegangen sei – darüber machte er sich gerade erst kürzlich wieder Gedanken…



am Morge früeh

Am Morge früeh bin i verwache,
vomä Traum und han grad welle,
no bevor i Kaffi mache,
em Maa die ganzi Gschicht verzelle.

Dezue muess i no schnäll erwähne,
dass es Winterzyt isch gsi,
und i mit eme warme Pischi
guet aagleit go schloofe bi.

Im Traum, do bini mit em Bus
in d'Stadt, will i ha gfunde,
s'Bescht, i gang, will's chalt isch duss,
in d'Sauna es paar Stunde.

Was dört verruckts alls isch passiert
- i has grad welle säge -
do luegi plötzlich chli verstört
und au ä chli verläge:

I sitz jo nackend bis uf d'Hutt
im Bett und ummi umme,
hani, dass i nid so blutt,
es Badtuech um mi g'schlunge.

De Maa lacht luut und mir isch grad
vor Schreck de Traum devo.
I glaube nümm - ach isch das schad,
dass er wird ume cho.

I see faces /Juni 2026

Manche bemerken sie nur gelegentlich – Gesichter in Dingen und Mustern. Andere sehen sie ständig und sehr detailliert. Ich gehöre definitiv zu den anderen 🙂
Für dieses psychologische Phänomen gibt es übrigens den Ausdruck Pareidolie.

Das Wort kommt aus dem Griechischen. Es setzt sich zusammen aus:
„para“ (παρά) = „neben“, „abweichend“ oder „falsch“
„eidolon“ (εἴδωλον) = „Bild“, „Gestalt“ oder „Erscheinung“
Zusammen bedeutet es also sinngemäß so etwas wie „falsches Bild“ oder „trügerische Erscheinung“.

Aus Sicht der Neurowissenschaft ist das kein ungewöhnliches Phänomen, sondern eher eine normale Eigenschaft der menschlichen Wahrnehmung. Das Gehirn ist darauf spezialisiert, Muster und insbesondere Gesichter schnell zu erkennen, selbst wenn die Informationen unvollständig sind. Manchmal „überinterpretiert“ es dabei visuelle Reize.



Zwei unterhalten sich auf einem Spaziergang:

„Schau mal an, ein Wolf, ein Hund?
Was liegt da auf dem steinig Grund?“
„Ich würde schätzen,
nur ein Fetzen.“

„Doch sieh, es hat ja Aug und Mund!?“


„Und da, schau hin – ein faules Tier!
oder was erblickst du hier?“
„Ein Fetzen halt.
Ich glaube bald,
du hattest vorhin zuviel Bier!“


„Nein, sicher nicht! Schau her, noch einer!
Ein Elefant sitzt da, ein Kleiner!“
„Ist schon gut,
ich nehm den Hut,
nur dies – ein Rüssel ist da keiner!

was siehst DU auf den Fotos?

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Was klebt da auf der Kaffeekanne?

P1070183 (Medium)

Ich wusste es jedenfalls nicht. Und deshalb nahmen die Dinge an jenem Morgen ihren tragischen Lauf…

Der Morgen war nicht mehr ganz jung, als ich bei meiner Tochter ankam, das Haus betrat und die steile Treppe durch die Luke hinauf ins Obergeschoss stieg. Dort wohnte sie zusammen mit ihrem Kind und ihrem Mitbewohner, der ebenfalls ein Kind hatte. Auch seine Freundin gehörte zur Wohngemeinschaft. Nach der zweistündigen Bahnfahrt freute ich mich vor allem auf einen gemütlichen Kaffee mit den Bewohnern – und natürlich auf meine Enkeltochter, mit der ich den Tag verbringen sollte, da ihre Mutter arbeiten musste.

Noch auf der Treppe hielt ich kurz inne und blickte nach oben. Vor meinen Augen entfaltete sich eben gerade der weite Unterrock der Freundin, die direkt über mir am Küchentisch stand und hantierte. Für einen Moment war ich von diesem Anblick aus der ungewohnten Perspektive fasziniert.
Ich stieg weiter hoch und wandte den Blick zum Herd, von dem das unverkennbare Geräusch eines brodelnden Kaffees herüberdrang. Sehnsüchtig musterte ich die Kanne und stellte enttäuscht fest, dass sie wohl nur für eine Tasse reichen würde.
„Kann ich auch einen Kaffee haben ?“, fragte ich ich die Freundin etwas zu schnell nach dem „Guten Morgen, wie geht’s?“
„Hallo! Ja klar, wie viel willst du denn? Meiner reicht genau für zwei kleine Espresso, wenn’s dir recht ist.“
„Hmm … kann ich auch einen grösseren machen? Hier steht ja noch eine Kanne herum“, schlug ich gutmütig vor, nachdem ich blitzschnell die Küchenablage geprüft hatte.
„Sicher, mach nur.“

Aber wie es in diesem Haushalt so war: Selten fand man etwas vollständig. Der untere Teil der Kanne fehlte. Mein geschulter Hausfrauenblick wanderte über das Küchen-Tohuwabohu und durch den ganzen Raum – nicht umsonst. Ich entdeckte das passende Unterteil auf dem Kühlschrank, wo, wie mir auffiel, noch viele andere Gegenstände zwischenparkiert wurden.
Das Teil war zwar schmutzig – wie kann man nur solche Klumpen von Dreck auf dem Kannenboden hinterlassen – doch die Vorfreude auf den baldigen Kaffee stimmte mich gnädig. Und ehe man sich versah, hatte die Grossmama die Kaffeekanne sauber geschrubbt, bis sie in ihrem schönsten Aluminiumglanz erstrahlte.

„Ach nein, die solltest du nicht benutzen“, unterbrach mich die Freundin, als ich eben den Kaffee einfüllen wollte. „Die brauchen wir für andere Dinge, nimm doch einfach meine.“ Sie stellte mir ihre kleine, noch heisse Espressokanne hin und zog sich in ihr Zimmer zurück.
Gut. Also. Dann putze ich die eben auch noch. Zuerst abkühlen lassen, Kaffee raus, putzen, Kaffee rein. Die ersehnte Kaffeepause rückte in greifbare Nähe.

Die Enkelin war inzwischen auch aufgestanden und zeigte verhaltene Freude über meine Anwesenheit. Sie wolle auf keinen Fall irgendwohin heute, viel lieber zuhause bleiben und mit ihrer Freundin herumhängen.
Ja, das ist mir auch recht – obwohl … dann brauche ich eigentlich nicht den ganzen Tag hier zu sein. Wenn niemand meine Gesellschaft braucht … so kam es mir zumindest vor. Jeder geht hier seinen eigenen Weg, lässt sich von meinem Besuch nicht aus der Spur bringen. Schon gar nicht an einem Sonntag.
Wie hätte ich wissen sollen, dass ich bereits alles vorbereitet hatte und es nur noch Minuten dauern würde, bis zumindest einer aus der Spur geraten würde?

„Guten Morgen, Tomi!“, begrüsste ich den Mitbewohner meiner Tochter. „Wie geht es dir?“
Meine Frage war wohl überflüssig – seine geschwollenen Augen verrieten bereits, dass der Schlaf kurz und die Nacht dafür umso länger war. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass der Schlaf an diesem Ort nie richtig auf seine Rechnung kommt und die Leute sich ständig in einer Art Wachkoma befinden.
In diesem Wachkoma bewegte sich Tomi langsam in Richtung Kühlschrank, nestelte daran herum, um dann plötzlich verwundert, ja fast ängstlich die Augen aufzureissen – Sekunden – und dann rief er panikartig aus : „Wo ist die Kaffeekanne?“
Ich wusste nicht nur die Antwort, mir wurde auch augenblicklich klar, wofür die Kaffeekanne auf dem Kühlschrank eigentlich verwendet wurde.
„Du hast sie doch nicht geputzt, oder?“
„Doch.“
„NEIN!!!“ Und im gleichen Augenblick sah ich ihn am Spülbecken stehen.
Hätte sein Arm im Abfluss des Spülbeckens Platz gehabt, er hätte ihn hineingesteckt. Verzweifelt grübelte er mit den Fingern in der Tiefe des Rohres nach den Klumpen . Ich schaute ihm erschrocken zu, wohl wissend, dass die Lage ernst war. Ich hatte offenbar ein wertvolles „Opium“ vom Kannenboden weggekratzt.
Dass der Arme angesichts seines Verlusts noch einigermassen gefasst reagierte, rechnete ich ihm hoch an. Er verliess nach der erfolglosen Suche unverzüglich den Raum, um seine erste Wut irgendwo draussen loszuwerden.
Ich hatte dadurch Zeit, zu überlegen, was ich tun könnte. Als er zurückkam, bot ich ihm an, für den Schaden aufzukommen. Doch der Wert war für ihn unersetzlich – es war ein Geschenk eines lieben Freundes.
Die Freundin, die durch den Schrei herbeieilte, pflichtete ihm bei, dass das jetzt wirklich sehr blöd gelaufen sei.
Ja, blöd auch für mich.

Leider war das nicht das erste Missgeschick, das mir in dieser Wohnung passiert ist. Und prompt – es wäre beinahe noch ein weiteres passiert, als ich die Badezimmertür schliessen wollte – fällt mir doch der altehrwürdige, vergoldete Handspiegel vom Regal herunter, dessen Rückseite durch mein Verschulden schon beim letzten Mal in Brüche ging. Zum Glück blieb er diesmal ganz, aber ich fühlte mich vom Unglück verfolgt und beschloss, ein bisschen an die frische Luft zu gehen.
Aber zuerst musste ich noch aufs Klo.
Ich musste wirklich.
Es kam mir gar nicht gelegen.
Gegen meinen Willen erfüllte schon bald eine geruchsintensive Wolke das ganze Badezimmer.
„Ohje … hoffentlich muss jetzt gerade niemand anderes aufs Klo. Ich werde gleich das Fenster aufmachen.“
Kaum gedacht, da ging auch schon die Türe auf (Schlüssel gibt es in diesem Haus keine). Tomi kam mit seiner Tochter herein:
„Sorry, die Kleine muss ganz dringend aufs Klo!“
„Ja, natürlich.“
Ich bemühte mich hastig, die Hose hochzuziehen, und steuerte, ohne aufzublicken, durch die dichte Wolke aus dem Badezimmer direkt auf die Luke zu.
Habt einen schönen Sonntag zusammen!

wenn es kommt…

Eine Notiz aus dem April 2024, die ich kürzlich wiedergefunden habe. Ich erinnere mich noch gut daran, dass mich das beschriebene Gefühl über Wochen hinweg immer wieder einholte, ohne dass ich wusste, was ich damit anfangen sollte.

Wenn es kommt
werde ich unruhig.
Es ist ein Gefühl, das ich nicht kenne.
Etwas, das mich zutiefst bedrückt.
Wie dunkle Wolken zieht es auf.
Am helllichten Tag.

Aber jedes Mal
fühle ich auch die Gegenwart
einer guten Macht.
Sie ist bei mir,
immer, wenn es kommt
und  schenkt mir Zuversicht.

Wenn ich die Worte heute lese, trösten sie mich.
Es war ein Versprechen, eine Zusage –
lange bevor es geschah,
Und sie ist immer noch da,
diese gute Macht,
und schenkt mir Zuversicht.



Herr, bleibe bei uns

Herr, bleibe bei uns
denn es will Abend werden
und der Tag hat sich geneiget

Dem bekannten Kirchenlied von Albert Thate 1935, liegt ein Text aus Lukas 24, 29 zugrunde: 
Und sie (zwei Jünger) nötigten ihn (Jesus) und sprachen:
Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.
Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

Das Bild ist eine zufällige Komposition – wer erkennt, aus welchem Material die drei Figuren bestehen?

Little mercies

When all seems lost 
and skies turn grey,
little mercies will find you
to brighten your day

The people you meet,
a quiet, kind word,
might comfort you gently
and soften your hurt.

The smile of a child,
the sun on your skin,
can warm up your heart
and heal from within.

Look at the beauty
in all that you see,
then turn to your soul
and just let it be.

Life is still here
it stays with you,
you are much stronger,
than you ever knew.

Remember, you won’t be
alone on the road,
little mercies will come
to ease your load.