Der Junge aus China

Er war sozusagen mein erster „Sohn“. Viele würden noch folgen, aber das wusste ich damals noch nicht….

Y war sein Name. Seine Mutter war Ärztin. Er erzählte immer wieder von ihr und schwärmte von der chinesischen Medizin, welche ihresgleichen auf Erden sucht. Jedes Nahrungsmittel sei Medizin und damit kuriere und halte sich der Chinese ganz natürlich gesund. 
Der Junge war sichtlich stolz auf seine Mama. In seinem Gepäck waren dann auch etliche mütterliche Ratschläge in Form von diversen Superfoods mitgekommen, die er uns allerdings bei seinem Abschied allesamt hinterliess. Er selbst schätzte McDonalds, Kebab, Pizzen und anderen Junkfood, das fanden wir sehr schnell heraus, und vielleicht wurde er auch deshalb eines Tages krank. Jedenfalls erwachte ich in dieser Nacht, weil es im Zimmer nebenan ganz fürchterlich hustete. Weit weg von seiner Heimat und seiner Ärztemama fühlte ich mich für den jungen Mann verantwortlich, wenigstens, wenn es um seine Gesundheit ging. Ich wollte nachsehen, was mit ihm los war und klopfte an seine Zimmertür. Offenbar war er schon länger wach. Er sass etwas hilflos auf dem Bettrand und schaute mich mit grossen Augen an, als ich ihn nach seinem Befinden fragte.  Es hatte es ihn richtig erwischt. Neben dem Husten klagte er auch über starke Kopfschmerzen. Der Anblick mobilisierte meine mütterliche Fürsorge endgültig. Ich bot ihm an, Tee zu kochen, was er dankbar annahm, während er mich immer noch gross anguckte. Ich drehte mich um und ging in die Küche, setzte Wasser auf und suchte in meiner Apotheke nach Schmerztabletten. „Der Junge geht mir morgen nicht arbeiten“, dachte ich bei mir selber, nahm den Hustentee und den Honig aus dem Schrank und die grösste Tasse, die ich fand und schon bald duftete es würzig nach Kräutern. Ich fühlte mich extrem kompetent und zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Fast ergriff mich etwas von der Art einer strengen, aber wohlwollenden Krankenschwester. Mein Tee wird ihm gut tun. Ich brachte ihm die Tasse mit dem heissen Hustentee und ein Glas Wasser inklusive Kopfwehtablette ans Bett, bat ihn eindringlich, die Tablette zu nehmen und den Tee gemächlich zu schlürfen und fragte, ob er auch eine heisse Bettflasche möchte. Er schaute mich nur mit diesem sonderbaren Blick an. „Eh ….nein danke“,  stotterte er verlegen. Ob er denn sonst noch was bräuchte, fragte ich , aber er stammelte nur etwas von „Mama geschrieben“ und „Medikamente schicken“. „Ah…ok, dann versuche doch jetzt zu schlafen, und ich gehe auch wieder ins Bett. Morgen schauen wir dann weiter“. Grosse Augen und tschüss.
Naja, es gibt halt nichts Besseres als die Mama in einem solchen Moment.
Aber nun husch zurück ins Bett, noch schnell Pipi machen, Hosen rauf, Blick in den Spiegel….oh mein Gott! Wie sehe ich aus! Von wegen kompetente Krankenschwester! Ich hatte ja völlig vergessen, dass ich am Abend zuvor ein verdächtiges Kribbeln in den Lippen spürte und diese vorsichtshalber dick mit Zahnpasta bestrich, um einen evtl. Ausbruch von Fieberbläschen schon im Keime zu ersticken. So schlief ich dann ein, auf dem Bauch, mit offenem Mund, was dazu führte, dass der herausfliessende Speichel die Zahnpastaschicht auf den Lippen aufweichte und gleich in seinem Fluss die Backe hinunter mitnahm. Beim umdrehen auf die andere Seite habe ich das alles noch schön verteilt.
Deshalb also hat mich der Junge immer so angestarrt! Ach war das lustig! Ich lachte mich zu Bett und schlief fröhlich ein.
Das Beste war, der Ausbruch der Fieberbläschen hat nicht stattgefunden und unser Mitbewohner war am nächsten Tag wieder gesund 🙂

Mit der Wäsche ist das auch immer so eine Sache. Am liebsten würde ich das für meine  männlichen Mitbewohner erledigen. Ich mache es nämlich nicht ungern und dann habe ich  auch Ansprüche – dunkle und helle Wäsche bitte getrennt, die Weisse sowieso, und dann mit dem Bügeln…bitte Bügeleisen nicht über aufgeklebte Applikationen gleiten lassen. sie kleben nachher auf dem Eisen, und nicht mehr auf dem T-Shirt.

Ich biete also meinen Wäsche und Bügeldienst freiwillig an. Der Chinese war sich allerdings nicht schlüssig, ob er die Wäsche in die Obhut einer Frau, die nicht seine Mama war, geben sollte. Ich spürte, dass ihm das nahe ging, also liess ich ihn seine Wäsche selber machen und zeigte ihm auch den Wäscheständer im anderen Zimmer,  wo er die nassen Kleider aufhängen konnte.  Die Waschmaschine hatte er wohl benützt, aber Wäsche sah ich nirgends aufgehängt Nach zwei Tagen des Wunderns schaute ich in seinem Zimmer nach, ob ich dort nicht seine Wäsche fände. In der Tat…sie lag auf einem Haufen am Boden in der Ecke und feuchtete vor sich hin. Ich nahm sie mit und seitdem ist das Eis gebrochen, ich darf sie immer waschen, aufhängen und bügeln

Mein Mann ist allerdings nicht immer glücklich über den Umstand, dass ich allen Männern die Wäsche mache. Offenbar kann ich seine Socken nicht von den Socken der Gäste unterscheiden und so geschieht es manchmal dass ich seine  Socken den Mitbewohnern aufs Bett lege. Erstaunlich ist ja, dass diese oft auch nicht wissen, wie ihre Socken aussehen und am Schluss reisen sie samt den Socken meines Mannes ab.
Seitdem es nun einige Male so passiert ist, habe ich ein besonderes Auge auf die Socken und im Zweifelsfalle entscheide ich mich für meinen Mann….seine Sockenschublade ist im Moment gut gefüllt.

Wenn sich unser Chinese in Bewegung setzte, machte er das mit schnellen kleinen Schritten und dabei hoben sich seine Füsse nur leicht vom Boden ab. Er  schwebte fast über das Parkett. So schien es uns jeweils, wenn er um die Ecke ins Wohnzimmer getippelt kam. Allerdings lag dort ein kleiner Teppich. Es kam vor, dass der Teppich von den Füssen des Chinesen aufgegabelt wurde und sich um seine Beine herumschlang. Der Chinese schüttelte ihn im Weitertippeln dann jeweils elegant ab und liess ihn auf einem Haufen zurück. Der Vorgang war jedes Mal aufs neue spannend 🙂

Er war es auch, der ganz erstaunt war, dass es in der Schweiz Slums gibt. Das war, als wir an den Schrebergärten vorbei zum Bahnhof liefen. Und dann dachte er auch, dass alle Küchenabdeckungen aus Stein sind, wie bei ihm zuhause. Das hatte zur Folge, dass die Kunststoffabdeckung anfing, Blasen zu werfen, als er die heisse Kaffeekanne draufstellte. Wir mussten die ganze Platte ersetzen. Seither müssen unsere Mitbewohner eine Haftpflichtversicherung haben. Y war natürlich bei weitem nicht der einzige Chinese, der bei uns zu Gast war.

Unvergesslich bleiben die beiden Chinesinnen, welche sich per Couchsurfing für ein paar Tage bei uns angemeldet haben. Am Tag ihrer Ankunft wurde ich allerdings richtig krank.. Ich konnte ihnen natürlich nicht mehr absagen. Aber es war mir klar, dass ich nicht Gastgeberin sein konnte. Sie müssten einfach selber schauen. Mir war elend zumute.

Noch unter der Türe informierte ich sie über mein plötzliches Erkranken und bat sie, mein Unwohlsein zu entschuldigen, ich könne ihnen nicht einmal ein Abendessen kochen. Sie mögen doch einfach selber schauen.

Die Ältere der Beiden überblickte die Situation sofort und sagte, ich brauche mich um nichts zu kümmern, ordnete mir Bettruhe an und ging schnurstracks in die Küche, um mir eine Hühnersuppe zu kochen. Wie die Beiden sich so schnell zurecht fanden und woher sie die Zutaten für die Suppe nahmen, ist mir immer noch ein Rätsel. Ich habe auch völlig vergessen, sie auf die Abdeckung in der Küche aufmerksam zu machen und das diese schlecht heisse Pfannen vertrüge.  Die Sorge war umsonst. Bessere Hausfrauen hätte ich mir nicht wünschen können. Die beiden Frauen kümmerten sich rührend um mich und um alle, die noch in unserem Haus waren. Ihre Wanderpläne haben sie über den Haufen geworfen. Statt dessen blieben sie die drei Tage bei mir.

Es ist nicht verwunderlich, dass man unter solchen Umständen schnell wieder gesund wird. Bald fühlte ich mich besser und verbrachte mit den beiden Ladies eine wunderbare Zeit.
Eines der besten Couchsurfing Erlebnisse überhaupt.

Dank der Fürsorge meiner Gäste und der kräftigen Hühnersuppe ging es mir sofort wieder besser!

Träume, als wäre nichts unmöglich

Seit vielen Jahren träume ich davon, ein kleines Gasthaus zu haben. Jedoch  habe ich weder die Mittel dazu noch das Knowhow, um ein solches Projekt zu realisieren. Aber ich wäre ohne Zweifel die ideale Gastgeberin, die gute Fee im Hause, welche mit Freude dafür sorgen würde, dass sich alle Gäste wohlfühlen. Ich sage das auch nicht einfach so dahin. Ich lebe meinen Traum ja, wenn auch nur im kleinen Rahmen. Seit einigen Jahren biete ich bei mir zuhause Privatzimmer mit Frühstück an. Die Begegnungen mit Menschen aus der ganzen Welt bedeuten mir viel. Ich möchte nicht eine davon missen. Es ist einfach ganz unglaublich, welche aussergewöhnliche Menschen ich in den letzten Jahren bei mir beherbergen durfte.
Zum Beispiel war da kürzlich der Spanier, mit dem fremden Herzen in seiner Brust. Oder der junge Mann, der bei uns seine Pilgerreise nach Neuseeland gestartet hatte, der fröhliche Brasilianer, der mir nach einer gemeinsamen Wanderung die Füsse massierte, der alte , sehr schüchterne Chinese, der noch nie im Ausland war und ausgerechnet bei uns landete und nach vier Tagen glücklich von dannen zog, die alte Dame aus Amerika, die splitternackt in der Küche stand und entsetzt aufschrie, als ich rein kam, und dann der orthodoxe Israeli, der noch nie im Schnee spazierte, promt ausrutschte und dann nicht mehr gehen wollte, weil sein Allerwertester schmerzte. Oder das Liebespärchen, dass sich bei uns traf, damit der Anfahrtsweg für beide nicht so weit war 😉
Die Liste könnte endlos fortgesetzt werden. Ich sage ja immer, ich mache jedes Jahr eine Weltreise  und kann dabei nachts in meinem Bett schlafen. Die Welt ist bei mir zuhause!

Nun ist es bald zwei Jahre her, dass in unserer Nachbarschaft die Bagger auffuhren und anfingen die Erde abzutragen. Neugierig fragte ich einen der Arbeiter, was hier denn gebaggert würde.

„Wir bauen ein Hotel.“

„Wow!  Wer baut hier denn ein Hotel gleich vor meiner Türe?“

Der Name der Firma war schnell gegoogelt und fast noch schneller sass ich darauf hin im Büro des Bauherrn. Er hörte meinem Reden (erster Abschnitt nochmals lesen) aufmerksam zu. „Ich würde gerne in ihrem Hotel mitarbeiten“, sagte ich zum Schluss.
Der Herr stand lächelnd auf, ging zum Schrank, nahm die Baupläne heraus und breitete sie vor mir auf dem Tisch aus. Ich durfte sie mir ansehen und er erzählte mir von seinem Projekt. 

Seit dieser ersten Begegnung ist natürlich viel geschehen. Das Hotel wuchs und nahm Gestalt an, das Konzept wurde wohl ein paar Mal geändert und die Pläne wieder angepasst, so wie es manchmal geschieht bei der Verwirklichung eines Projekts.

Aber das Angebot, im Hotel mitzuarbeiten blieb immer bestehen. Als man mich im September fragte, ob ich nun mit einsteigen möchte, sagte ich zu, obwohl sich auch bei mir einiges verändert hatte und ich nicht wusste, wie ich nun alles unter einen Hut bringen würde.
Aber die Dinge haben sich wunderbar gefügt. Nicht nur, dass ich die Arbeitszeit wählen durfte, es stellte sich heraus, dass ich auch fast alle im Team kannte.
Meine Vorgesetzte würde die Kollegin sein, mit welcher ich 11 Jahre das Sprachencafe Buchs geführt hatte! Das war eine grosse und schöne Überraschung! Wer hätte gedacht, dass  wir wiederum zusammen arbeiten würden! Da wusste ich, das kann nur gut
kommen! 



Endspurt vor der Eröffnung

23 Studios und 3 Wohnungen mussten hergerichtet werden Wir Frauen haben uns mächtig ins Zeug gelegt, damit die ersten Gäste am 1. November einziehen konnten. Dabei lernten wir jede Ecke im Haus und jeden Griff unserer neuen Arbeit kennen. Das Hotel ist dadurch – das darf man schon sagen – ein bisschen Unseres geworden 🙂

Das BoHo im Herzen des Rheintals!


Mittlerweile ist das BoHo – so nennt sich das Wohnhotel – fast ausgebucht. 
Ich liebe meine Arbeit, ich liebe es, für unsere Gäste da zu sein.
Mein Traum ist in Erfüllung gegangen.

23 moderne und gemütliche Studios mit grossem Balkon
voll ausgestattete Küche
und geräumigem Bad
Herzlich wollkommen im BoHo!

im Massenlager

Jeder, der sich auf eine mehrtägige Bergtour begibt, ist sich der einfachen Übernachtungen in den Berghütten bewusst. Oft gibt es nur einen Raum mit Massenlager. Im Sommer sind die Schlafplätze meist allesamt ausgebucht. Ein Kopfkissen und eine Wolldecke schön ordentlich auf jeder Matratze hingelegt, lädt den müden Wanderer dennoch ein, sein Haupt niederzulegen und sich auszuruhen

Wie Sardinen liegt man nebeneinander, eingepackt im Schlafsack, Oropax in den Ohren und eine Taschenlampe daneben, falls die Blase mitten in der Nacht drückt…
Wer müde genug ist, schläft wie ein Säugling in den herrlichen Alpenmorgen hinein.
Andere drehen sich mehr wach als schlafend auf den dünnen Matratzen von einer Seite zur anderen und sind heilfroh, wenn die Sonne ihre ersten Strahlen über die Bergspitzen schickt. Noch lange vor dem Frühstück sind sie draussen vor der Hütte, warten auf den Sonnenaufgang und lauschen der erwachenden Bergwelt. Ich gehöre auch zu dieser Gruppe. Der Sonnenaufgang gehört zu den unvergesslichen und schönsten Augenblicken einer Bergtour.

Neben mir schlief eine ältere Frau. Sie war gehörlos, wie auch die anderen von unserer Wandergruppe. Die Gehörlosen haben es ja gut. Das Schnarchen der schon selig Schlafenden lässt sie völlig kalt.

Plötzlich hörte ich im Halbschlaf ein Rufen: „Mama, Mama, ich habe Angst! Es ist so dunkel!“

Ich brauchte einen Moment, um festzustellen, woher das Rufen kam. Es war die Frau neben mir, die vor Angst zitterte und immer wieder nach ihrer Mutter rief.

Sanft berührte ich ihre Schulter und griff nach der Taschenlampe, um im Lichtkegel mit ihr reden zu können. 

Sie können ohne Licht nicht schlafen, erklärte sie mir, sie hätte Angst im Dunkeln. Ich platzierte die Taschenlampe so, dass ihre Umgebung etwas erleuchtet war ohne die Nachbarn zu stören und ermutigte sie, nun die Augen zu schliessen und versuchen zu schlafen. Selber legte ich mich so hin, dass ich ihr die Hand reichen konnte. Sie drückte sie ganz fest.
Während ich ihre Hand hielt, beruhigte sie sich zusehends und bald war sie eingeschlafen.

Ich lag noch ein ganzes Weilchen wach. Ihr Hilferuf hat mich eigenartig berührt. Niemand sonst hatte etwas mitbekommen, aber uns beide machte das Erlebnis für den Rest der Wanderwoche zu Verbündeten…

Dammahütte über dem Göscheneralpsee
Sonnenaufgang in den Bergen

beste Nachbarn

Wir wohnen seit vielen Jahren Tür an Tür und gehen beieinander ein und aus. Wenn wir Zeit haben, trinken wir einen Kaffee oder machen auch mal Essen zusammen. Aber meistens ist es so, dass wir etwas Kleines brauchen voneinander. Meine Nachbarin hat garantiert Knoblauch und Zwiebeln auf Vorrat…ich habe Käse und Eier. Im Notfall ist das ganz praktisch.
Ich führe ihre Hundedame aus, wenn sie arbeiten muss und sie zieht mir das Bügeleisen aus der Steckdose, wenn ich ihr von unterwegs aufgeregt anrufe , dass ich es wieder vergessen habe.
Zudem hat sie den schönsten Balkon auf ihrer Seite des Blocks. Ich habe den Schönsten auf meiner Seite. Wir mögen beide Blumen, meine Nachbarin und ich. Und wir mögen einander.

Eines Tages fiel mir auf, dass sie schon lange nichts mehr von mir brauchte. Und überhaupt wirkte sie plötzlich kurz angebunden, wenn wir uns zufällig im Treppenhaus trafen.
Mir war dabei nicht wohl und deshalb fragte ich sie bei der nächsten Gelegenheit geradeaus: „Bist du mir böse?“
„Ja, ich bin verärgert über dich“, antwortete sie ebenso geradeaus.

Ich bat sie, mir zu erzählen, was sie ärgerte.
Da wurde mir klar, dass ich mich in einer Sache zwischen ihr und einer Drittperson unnötigerweise eingemischt habe. Dies hat sie sehr verletzt. Im Zuge dessen brachte sie noch ein paar andere Situationen zur Sprache, in welchen ich ihr offenbar zu nahe trat.

Ich war ziemlich schockiert. Es war nie meine Absicht, mich einzumischen oder sie zu verletzen. Ich dachte wir wären ziemlich vertraut und mein Verhalten wäre ok gewesen. Ich habe mir nichts dabei gedacht…und was die anderen Situationen betraf – wir machten doch ab und zu mal Spässe zusammen, warum war es jetzt plötzlich nicht mehr lustig?
Es ist eben so – wenn man meint, sich gut zu kennen, überschreitet man gerne mal die Grenzen. Und das habe ich ganz klar gemacht. Mir war nun ganz wichtig, sie zu entlasten. Sie war verletzt und verunsichert und das tat mir furchtbar leid.

Ich entschuldigte mich.
Ich entschuldigte mich nochmals.
Ich fuhr zum Blumenladen und brachte ihr einen Strauss ihrer Lieblingsblumen.
Ich umarmte sie und sagte ihr, dass sie meine beste Nachbarin ist und dass ich sehr gerne habe.
Von ganzem Herzen.

Dieses Ereignis ist nun schon eine Weile her. Wir sind immer noch beste Nachbarn. Nachbarn, die auch wissen, wie man einen Konflikt lösen kann.

so, und nun sollte ich mit der Hundedame spazieren gehen…

meine Söhne

Für einmal kommt ein etwas längerer Beitrag von mir zum Thema Gäste beherbergen. Einige von euch wissen ja, dass unser Zuhause auch ein kleines Hotel ist. Ein Generika Hotel, wie mein Mann kürzlich einem Apotheker erklärte. Aber so ganz stimmt das nicht. Es ist ziemlich anders…

Gäste beherbergen ist meine grosse Leidenschaft. Es ist wie wenn ich jeden Sommer eine Weltreise machen und trotzdem im eigenen Bett schlafen kann. In den letzten Jahren habe ich so unzählig viele, wunderbare Menschen kennen gelernt. Ein paar von ihnen werde ich nie mehr vergessen. Sei es, weil ich mich so gut mit ihnen verstanden habe oder weil sie einfach auf ihre Art besonders waren. Zu diesen Gästen zählen definitiv die jungen Männer und Studenten, welche das erste Mal auf sich alleine gestellt eine grosse Reise machen oder wegen ihrem Studium für ein paar Monate die Heimat verlassen. Ich nenne sie „meine Söhne“ weil sie dazu tendieren, mich zu ihrer Mama zu machen. 

Eben war wieder ein „Sohn“ bei uns. Er wuchs irgendwo in der amerikanischen Prärie auf. Bevor der Junge da war, ahnte ich es schon – Ich krieg einen Jungen. Ich sass mit einem Freund beim Kaffee, da kamen in schneller Folge verzweifelte Nachrichten per SMS. Er wisse nicht, wie er vom Flughafen zu uns komme. Es gäbe keinen direkten Zug. Wie man denn umsteigen müsse? Er sei noch nie Eisenbahn gefahren. Später musste ich feststellen, dass er auch sonst viele Sachen noch nie gemacht hatte. 

Mit zwei riesigen Überseekoffern, einem normal grossen Koffer, einem Rucksack und mit Taschen bepackt stand unser Gast dann spät abends vor der Türe. Ein Taxi hatte ihn hergebracht.
Ich war froh, dass er da war und gleichzeitig sprachlos ob dem vielen Gepäck. Kein Wunder, fand er das Umsteigen mit der Bahn schwierig. Er aber grinste übers ganze Gesicht, sichtlich erleichtert, dass er es vom Flughafen hierher geschafft hatte.

Wir schleppten die Koffer in den zweiten Stock. Zum Glück konnte ich ihm das grosse Zimmer anbieten. Ich liess ihn erst mal ankommen und begab mich auf den Balkon. Ich musste auch ankommen in der neuen Situation und atmete tief durch.
Später klopfte ich an seine Zimmertüre, um mich zu versichern, dass alles ok ist. Ich nahm zur Kenntnis, dass der Inhalt der Koffer nun den gesamten Boden des Zimmers bedeckte und mittendrin sass ein glücklicher Junge.
Für die nächsten drei Wochen wird hier also unser neuer Sohn aus Amerika wohnen.

Ich wollte es mir nicht im Detail vorstellen und war froh, dass ich die nächsten beiden Tage nicht Zuhause sein würde. Bevor ich mich verabschiedete, versicherte ich ihm, dass ICH und nur ICH fürs Putzen und Waschen zuständig sei und dass ich sein Zimmer regelmässig „besuchen“ würde. Man hat ja so seine Erfahrungen als Mutter….da gibt es nämlich Jungs, die nicht daran denken, dass Fenster mal zu öffnen, oder jene, die ihre Wäsche zu einem Komposthaufen verkommen lassen, Essensreste tagelang horten und wenn’s hoch kommt auch mal in den Abfallkübel  pinkeln, alles schon dagewesen.

Ich war nicht lange weg, da rief mein Mann an und berichtete, dass der Junge einkaufen gegangen sei. Den Inhalt von zwei grossen Einkaufstaschen wollte er nun in unseren schweizerischen Kühlschrank hineinstopfen, welcher ja zur Sommerzeit schon einiges von unseren Einkäufen lagern musste. Mein Mann wollte mich informieren, dass er dem jungen Mann gesagt habe, er solle die Sachen, die er nicht sofort brauche einfrieren.
Ich war bereits wieder zuhause, da wollte sich der Junge etwas aus dem Tiefkühler nehmen. Er hatte übrigens ALLES eingefroren. Als er den Tiefkühlschrank öffnete, fiel ein Kopfsalat heraus und zersplitterte auf dem Boden in tausend Stücke. Er sah mich verdutzt an und ich sagte schmunzelnd, er solle doch die «Scherben» zusammennehmen und schnell noch ein Smoothie davon machen.

Ich lud ihn zum Essen ein. Er meinte, dass er fremdes Essen schlecht vertrage, aber probieren täte er es schon. Gesagt getan. Er probierte und liess den Rest auf dem Teller liegen. Dafür musste ich dann am Nachmittag seine brasilianischen Käsebällchen kosten und bewundern. Papa hätte ihm das Rezept beigebracht. Er war voll bei der Sache und am Schluss von unten bis oben mit Mehl bestäubt. Die Küche, der Boden, die Schränke, das Mehl und der Teig waren einfach überall. Auch der Teppich im Wohnzimmer hatte Teig abbekommen. 80 Bällchen hatte er gebacken. Was er nicht selber verdrücken konnte, haben wir gegessen und den Rest noch bei den Nachbarn verteilt. Die Dinger waren erstaunlich gut.

Ein spezielles Programm für seine Ferien hatte der Junge nicht. Er wollte vor allem ein Mädchen treffen, welches er im Internet kennen lernte. Sie wohnte im Dorf nebenan und bereitete sich gerade für die Abschlussprüfungen vor. Sie hatte also gar keine Zeit für ihn.
Die meiste Zeit verbrachte der Junge auf seinem Zimmer. Ich fand das eigenartig. Da kommt man für drei Wochen in die Schweiz und verbringt die meiste Zeit in einem Gästezimmer. Selbst ins Badezimmer schien er nie zu gehen.
Einmal kam er in die Küche um mich zu fragen, ob ich die Zutaten für sein neues Rezept verfügbar hätte. Zufällig hatte ich. Und siehe da, als ich am Abend mit meiner Enkelin an der Hand müde nach Hause kam, war ein Fest in der Küche. Es roch nach Kohl und verbranntem Reis. Der Amerikaner schwang fröhlich den Kochlöffel, das Mädchen
 war auch da und half ihm, so gut es konnte. Sein Zimmer hatte er für das romantische Dinner passend hergerichtet. Der Schreibtisch wurde zum Esstisch, das Bett zur Esstischbank, der Nachttisch zum Servierboy und die Nachttischlampe ersetzte die Kerzen.
Sein Zimmer war übrigens auch sein Badezimmer. Da waren neben Rasierer, Zahnbürste und Kamm unzählige Flaschen und Dosen mit Kosmetikprodukten schön säuberlich auf der Kommode aufgereiht. Gewöhnlich ist der Teppich nach dem Aufenthalt von Spraydosen liebenden Gästen rutschig von all den Parfüms und Haarfestigern, die er absorbieren musste und die Kommode klebrig. Deshalb bat ich den Jungen, die Kosmetiksachen ins Badezimmer auf das Tablar zu stellen, welches ich ihm  anfangs gezeigt hatte und fortan seine „Toilette“ dort abzuhalten.
Leider musste ich ihm bei einem meiner Reinigungsbesuche auch sagen, dass Blut und andere Flecken nicht aufs Bett und auch nicht auf den Teppich gehören und wenn, dann nur für sehr kurze Zeit!

Aber nun zurück zum Geschehen in der Küche. Natürlich dürfen unsere Gäste auch mal selber Gäste mitbringen. Ich fände es aber nett, wenn man mich zuerst fragt. Aber Söhne denken wohl, dass es die Mama freuen wird, wenn die Freundin spontan mit nach Hause kommt.
Nun muss er von meinen Gesichtsausdruck abgelesen haben, dass ich mich nicht freue. Mit einem versöhnlichen Lächeln lud er mich zum Essen ein, während er in einer Hand die Reispfanne hielt und mit dem Löffel versuchte, den verbrannten Reis mit Kohl vom Boden wegzukratzen um noch eine Portion für mich zusammenzukriegen.
Ich schaute verzweifelt meine kleine Buba an und sie mich. Eigentlich hatten wir abgemacht, dass wir uns noch ein paar Pancakes  brutzeln werden.
Es war mir zu viel. Sein Mädchen schien zu verstehen, dass da ein Mutter/Sohn Konflikt besteht und es wohl besser ist, sich zu verabschieden.
Am nächsten Tag hat sich auch der Junge verabschiedet. Er hätte sich den Aufenthalt bei uns anders vorgestellt, meinte er. Das Mädchen und seine Familie haben ihn adoptiert. Am Ende der drei Wochen traf ich zufällig die ganze Familie mit dem Jungen am Bahnhof. Natürlich haben wir sie gegrüsst und das Mädchen hat uns ihren Eltern vorgestellt. Oh…da hat der Papa mir aber vorgejammert, von wegen dem Bub und dass der noch viel lernen müsse und dass er ja hoffe, der Junge käme heil in China an, wo er die nächsten zwei Monate verbringen wolle. Bei wem denn? Bei irgendwelchen Leuten, die er im Internet kennenlernte…

Andere «Söhne» sind durchaus länger bei uns geblieben. Man hat sich jeweils schnell ans miteinander wohnen gewöhnt und mit den einen hatten wir  sogar ein freundschaftliches Verhältnis. Als Mutter von drei Töchtern hatte ich auf diese Weiseimmer mal wieder Gelegenheit zu erfahren wie es ist, wenn Jungs im Hause sind.

Wieder andere Söhne blieben nur für eine oder zwei Nächte. Zum Beispiel der Russensohn. Ein guterzogener Junge! Etwas schüchtern, aber sehr höflich. Er gefiel mir gut. Kaum war er hier, bat er mich um Nadel und Nähfaden. Er müsse seine Hosen nähen und deutete mit der Hand auf die Stelle zwischen den Beinen genau im Schritt. Ich sah mir den Schaden an. Es war ein recht grosser Riss.
„Ich denke, den nähen wir besser mit der Maschine.“
Er war sichtlich erleichtert über das Angebot. Also, Maschine her, Faden aussuchen, einrichten, hinsetzen und los geht’s!
«Ja, aber jetzt bräuchte ich noch die Hose, mein Freund!».
Er schaute mich verdutzt an und und ich konnte sehr gut sehen, wie sein Gehirn arbeitete. Sollte er sich nun im Zimmer umkleiden oder wie sollte er nun meiner Bitte nachkommen? Dann liess er kurzerhand die Hose runter und reichte sie mir. Das muss man sich mal vorstellen. Ich nahm sie entgegen, als wäre es die normalste Sache der Welt und legte die zu nähende Stelle unter die Maschine. Die Hose war noch ganz warm von seiner Körperwärme. Er setzte sich zu mir, nur mit den Unterhosen bekleidet und schaute interessiert zu. Ich muss gestehen, es war ein heiliger Moment und ich liebte es, in diesem Augenblick seine Mama zu sein.

 

das grosse Wiedersehen

Es gibt unvergessliche Momente im Leben, an die man sich immer und immer wieder gerne erinnert.

Ein solcher Moment war das Wiedersehen meiner beiden Töchter, nachdem sie sich mehr als ein Jahr nicht mehr gesehen hatten. Die Ältere weilte für ihre Ausbildung zweieinhalb Jahre in den Philippinen. Das Wiedersehen sollte eine Überraschung werden.  Den Moment hatten wir minutiös vorbereitet, damit wir den Augenblick mit der Kamera festhalten konnten. Der Überraschten mag dies in diesem emotionalen Moment nicht gefallen haben, aber heute ist es DAS Video, das wir alle lieben!

Die ältere Tochter traf ein paar Tage früher als geplant in der Schweiz ein, damit sie an der Diplomfeier ihrer jüngeren Schwester teilnehmen konnte. Dass diese es schaffte, den Flug umzubuchen, verrieten wir der Jüngeren nicht. Es sollte eine freudige Überraschung werden, nachdem sie schon traurig war, dass ihre Schwester nicht zur Diplomfeier zurück sein würde.

Natürlich hat sie sich trotzdem auf den besonderen Tag der Diplomübergabe gefreut. Wir Eltern waren mit ihr schon unterwegs zur Feier nach Zürich. Wir waren alle gut gelaunt. Die Tochter pinselte noch an ihrem Make up herum, ich hantierte fleissig mit der Kamera, was das Gegenüber mit der Zeit nervte. Aber ich musste ja bereit sein, weil ihre weit hergereiste Schwester, wie abgemacht, bei der nächsten Station zusteigen würde. Und das wird gleich soweit sein. Noch ahnt das glückliche Kind nicht, wer hinter ihr steht und eben fragen wird, ob der Platz neben ihr noch frei ist….

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um den Moment mitzuerleben  kannst du  hier klicken.

Fieberbläschen für lange Zeit loswerden

Alle, die davon betroffen sind, werden mit mir einig gehen – Fieberbläschen sind unnötig, unästhetisch und schmerzhaft. Leider ist es so, dass wenn man den Virus einmal erwischt hat, ihn nicht mehr los wird. Er schlummert irgendwo im Körper, um dann ungefragt und im dümmsten Moment die Lippen mit Blasen zu übersähen und anschwellen zu lassen (je voller die Lippen, desto krasser das Resultat). imagesDie Blasen platzen dann irgendwann auf und die austretende Flüssigkeit ist hochansteckend, die Lippen schmerzen bei jedem Versuch, etwas zu essen und in Gesellschaft hat man das Gefühl, dass einem alle entsetzt auf den Mund starren. Der Betroffene wird zu einer von allen und von sich selbst bemitleideten Kreatur.

Ich jedenfalls hab mir leid getan. Die Bläschen kamen, wenn der Fotograf seinen Besuch in der Schule anmeldete,  wenn ich Geburtstag feierte,  ich mich vorstellen sollte, mich auf ein Date freute, wenn ich zur Hochzeit eingeladen war oder gerade in den Ferien weilte. Meine Mutter sagte immer, „das Zeug muss raus!“ und schmierte mir die Lippen jeweils dick mit schwarzer Teersalbe ein, die ich dann von der Wunde fast nicht mehr wegkriegte.

Es verwundert daher nicht, dass ich schon beim ersten leichten Kribbeln in den Lippen, das drohende Ereignis, koste es was es wolle, abzuwenden versuchte. Von den angepriesenen Hausmittelchen, Cremes und Pflaster gibt es nichts , was ich  nicht schon ausprobiert hätte. Manchmal konnte ich das Unglück damit aufhalten, aber oft passierte es dann etwas später doch mit einem verstärkten Ausbruch. Wenn die erste Schwellung schon sichtbar ist, kann man den Virus kaum mehr zurück drängen. Ein paar Cremes helfen zwar, den Verlauf des Ausbruchs zu mildern, aber man muss trotzdem hindurch und es dauert jedes Mal zehn bis 14 Tage, bis die Bläschen völlig abgeheilt sind. Die Cremes sind sehr teuer und zum Teil agressiv.  Und man muss sie natürlich  immer dabei haben, denn wie ich schon sagte, der Virus kommt, wenn man es nicht erwartet. Ich hatte früher immer ein ganzes Waffenarsenal dabei, wenn ich das Haus verliess. Eine teure Creme und dann noch alle Hausmittelchen wie Honig, Zahnpasta, Kohle, Teebaumöl, usw….

Nun ist das alles Vergangenheit. Seit ich dem Ratschlag einer Apothekerin folge, habe ich Ruhe von den Dingern. In den letzten zwei Jahren erlebte ich nur noch einmal einen ganz schwachen Ausbruch. Nicht der Rede wert. Und wenn ich wieder ein Kribbeln spüre, dann nehme ich den Ratschlag sofort hochdosiert ein. Ansonsten mache ich hin und wieder eine Kur damit. Es funktioniert und tut dem Körper erst noch gut. Aminosäure L-Lysin, Zink und Vitamin C. Alles zusammen in hoher Dosis (!) Stärkt das Immunsystem ungemein! Plus Lippenpflege natürlich. Und lange Sonneneinstrahlung vermeiden, viel schlafen und kein Stress! Lieber einen Spaziergang machen und sich des Lebens freuen! So sollte es klappen, die Fieberbläschen für lange Zeit loszuwerden. Ich wünsche es allen, die darunter zu leiden haben.

Bekanntlich kann auch Zahnpasta unter Umständen einen Ausbruch verhindern, aber man sollte es nicht übertreiben. Lies dazu die Geschichte unter der Rubrik hier clicken der Junge aus China

Pardon, ich bin schlank

manche Menschen haben ein verzehrtes Bild
zu schlank?

Es ist mir eben wieder passiert. Man hat mir gesagt, ich sei zu schlank. Ich kann nichts dafür. Bitte versteht, dass ich es nicht extra mache. Ich war schon immer schlank und das wird sich auch in Zukunft kaum ändern lassen. Und ich gefalle mir. Auch habe ich gehört, dass Schlank sein sehr gesund sei.

Aber es ist offenbar nicht einfach für andere, damit zu leben. Menschen begutachten und kommentieren meine Figur immer wieder auf eine negative Art und Weise. Man muss sich das Mal vorstellen!

Hier nur ein Beispiel von vielen:

Eine Frau hat mich schon länger nicht mehr gesehen und bei meinem Besuch besorgt bemerkt, dass ich extrem abgenommen hätte. Ich habe sie beschwichtigt (hab ja schon Übung darin) und ihr freundlich erklärt, dass ich etwas weniger wiege als wie in jungen Jahren, aber mich sehr wohl fühle. „Ob ich denn genug esse? „ fragte sie ungeachtet meiner Antwort.
Ja, mein Gott….was denken denn die Leute! Klar esse ich genug! Ich liebe das Essen! Aber man sollte es dann auch nicht übertreiben, oder?
„Vielleicht steckt eine Krankheit dahinter?“ forschte die Dame weiter.
Nun werde ich schon etwas ungeduldig. Bei mir selber denke ich: Warum stellen die bloss solche Fragen?
„Nein, es ist keine Krankheit dahinter. Schlank sein ist gesund. Ich fühle mich enorm fit. Und ich gehe auch zu den Vorsorgeuntersuchungen.“

Fast erlag ich der Versuchung, ins Detail zu gehen…aber geht‘s eigentlich noch? Muss ich mich vor meinen Mitmenschen für mein Schlank sein rechtfertigen, indem ich ihnen vorrechne, welche Untersuchungen ich jährlich machen lasse?

Nun, sie liess mich dann in Ruhe, denn schliesslich konnte sie mit eigenen Augen sehen, dass ich die fünfstündige Wanderung, die wir anschliessend als Gruppe machten, im Regen und ohne Zusammenbruch überstand und nach dem Mittagessen auch noch von ihrem Kuchen zwei grosse Stücke verdrücken konnte plus Kaffee und Tee. Nebenbei….ich war die einzige Frau in der Gruppe, die zweimal zulangte.

Ich fühlte mich gut nach dieser Wanderung und freute mich auf die geplante Fahrradtour am nächsten Tag. Die 42 Kilometer absolvierte ich in knapp zweieinhalb Stunden, mit einer Pommes frites Pause dazwischen. Kuchen obendrauf und noch ein Getreideriegel als Stärkung für die zweite Hälfte!

Ich war nicht wenig stolz über meine sportliche Leistung. Am Abend überfiel mich eine gesunde Müdigkeit. Ich kochte mir ein leichtes Nachtessen und liess mich anschliessend ins Bett fallen. Am nächsten Tag erwartete ich eine Freundin zum Kaffee. Der tiefe Schlaf hat gut getan. Ich fühlte mich topfit. Ich überraschte meine Freundin mit einem feinen Birchermüesli und Brötchen zum obligaten Kaffee. Der Tag versprach ein Schöner zu werden, die Stimmung dementsprechend gut! Auch bei der Freundin. Sie freute sich offenbar, mich zu sehen, hatte sich aber kaum gesetzt und schon musste ihr meine schlanke Figur besorgniserregend aufgefallen sein: „Mir dir stimmt etwas nicht, du wirst immer dünner!“ (Sie ist eine von denen, die wiederholt diese Bemerkungen machen).

„Nein, das stimmt nicht!“, meine Antwort duldete keine Widerrede.
Der Ton in meiner Stimme war zugegeben etwas unpassend, nachdem wir eben das Amen vom Tischgebet gesagt hatten. Und sie konnte ja nicht wissen, dass ich mir nur vor zwei Tagen denselben Satz schon anhören musste.
Erregt fuhr ich fort: „Ich bin nicht dünn und ich werde auch nicht immer dünner!“
Meine Freundin hörte mir gar nicht zu:
„Isst du überhaupt? Wie findest du dich, wenn du in den Spiegel schaust?“
Das war zuviel.
„Natürlich esse ich…ich esse sogar viel! Und ich kann es nicht mehr hören, dass alle sagen ich sei zu dünn! Ich wiege seit Jahren gleichviel, manchmal sogar etwas mehr und das ist nun mal überhaupt kein Untergewicht bei meiner Grösse. Ich habe eine beneidenswerte Figur für mein Alter und langsam glaube ich, ihr seid alle nur neidisch auf mich! Und ja, ich gucke in den Spiegel und finde mich schön, sogar mein kleines Bäuchlein gefällt mir “ fuhr ich fort, „ aber das tönt wohl lächerlich in deinen Ohren, oder?“
Das wirkte. Die Freundin war sprachlos ob meiner Reaktion, korrigierte sich dann und fand selber, dass ich blendend aussah. Etwas betreten sass sie mir gegenüber. Sie versuchte krampfhaft, dass Thema zu wechseln, um ihre Verlegenheit zu überspielen.

Ich muss gestehen, dass ich den „Sieg“ genoss und genüsslich ins Honigbrot biss. Sie hingegen kostete nur ein bisschen von dem selbstgemachten Müsli, lobte es in höchsten Tönen, meinte aber, dass sie nicht mehr essen könne…..jaja….da haben wir’s wieder! Ausgerechnet jene, die sich sorgen, dass ich nicht genug esse, tun, als wäre jeder Bissen des Guten zuviel! Dabei ist weder sie noch die Dame vom Vortag übergewichtig. Beide haben eine tolle Figut.
Und auch die anderen, die zum Kreis der sich um mich Sorgenden gehören, sind keineswegs dicke, unattraktive Frauen. Was also veranlasst sie, immer wieder Bemerkungen zu meinem Gewicht zu machen?

Was veranlasst die Menschen überhaupt, Mitmenschen zu kritisieren, sie zu begutachten und negativ zu kommentieren?
Wie wäre es, wenn man anstatt zu kritisieren, das Gute und Starke in den Mitmenschen hervorhebe und sie erfreuen und ermutigen würde?

Würde es nicht viel mehr glücklichere Menschen geben? Schlank sein hin oder her.

Das Äschergold

Das Äschergold

Vor vielen Jahren gab es im Alpstein noch Gold. So glaubten es die Leute wenigstens. Besonders zahlreich soll das Vorkommen in der Höhle oben beim Wildkirchli gewesen sein. Viele versuchten ihr Glück und stiegen den unwegsamen Hang hinauf zur hoch aufragenden Ostwand der Ebenalp. Allerdings ging das Gerücht herum , dass die Höhle von einem Unwesen bewacht würde und es sehr schwer wäre, an das Gold heranzukommen. Es war ein Sonntag im Frühjahr, als auch der Brülisüggu und der Chräzerewalli sich auf den Weg zur Höhle machten. Der Schnee blieb in diesem Jahre besonders lange liegen und der Weg hinauf zur Wand war beschwerlich. Aber die Gier nach dem Gold siegte über die Furcht vor dem gefährlichen Weg  und dem Steingeheuer, wie die Menschen im Alpstein das Unwesen nannten. Ein grosses Maul haben die beiden Abenteurer geführt und gesagt, dass dieser Tag ein Unvergesslicher würde und es ab heute zwei reiche Leute  im Tal geben würde

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Der Tag wurde in der Tat ein Unvergesslicher. Zurückgekommen ist der Brülisüggu ohne den Chräzerewalli. Und auch ohne Gold. Ausser Atem – sein Gesicht war erstarrt vor Schreck – erzählte er den ihm entgegenkommenden Dorfbewohner von der Begegnung mit einer Bärenmutter, die ihre beiden Jungen wohl beschützen wollte und den Chräzerewalli, welcher als erster in die Höhle hineinlugte,  angegriffen und zu Boden geschlagen habe. Er selber sei geflohen,  habe sich nicht mehr umgedreht. Gerannt wie ein Verrückter, sei er gerutscht und fast den Fels hinunter gestürzt. Dabei hätte er auch den Goldklumpen verloren, den er nahe bei der Felswand gefunden hätte. Sie hätten nämlich dort  nach dem mühsamen Aufstieg Rast gemacht und versucht, ein kleines Feuer zu entfachen mit dem wenigen Fichtenholz, dass sie im Wald gefunden hätten. Es wäre kein grosses Feuer gewesen, aber es wärmte die Beiden etwas auf. Als sie wieder aufbrechen wollten und die Asche auseinander scharrten, entdeckte der Brülisüggu zu seiner Verwunderung inmitten der Asche den goldenen Stein. Er habe ihn eingesteckt und getrieben von neuem Ehrgeiz, noch mehr Gold zu finden, seien sie gemeinsam weiter zur Höhle aufgestiegen.

Nun könne er nicht mehr sagen, wo er den Stein verloren habe. Erst unten angekommen hätte er bemerkt, dass seine Hosentasche zerrissen und der Stein weg war. Aber das sei ihm nun auch egal. Die entsetzlichen Schreie des Chräzerewalli seinen ihm noch in den Ohren ….! Nein, er könne da nicht mehr hinauf.

In den nächsten Tagen und Wochen wagte sich auch niemand von den Dorfbewohnern hinauf. Den Chräzerewalli hat keiner mehr gesehen und auch seine Leiche hat man nie gefunden. An jenem denkwürdigen Tag hat die Höhle also ihren Namen bekommen. Die Bärenhöhle. Das Rätsel um das Steingeheuer war gelöst. Die  Gegend wurde von Bären bewohnt. Der Rausch nach Gold legte sich augenblicklich. Nicht einmal der vermeintliche Goldklumpen, den der Brülisüggu gemäss seinen Angaben verloren hatte, vermochte die Goldgräber anzulocken  Im Tal wurde es wieder ruhiger. Das war auch gut so. Die Menschen besannen sich wieder auf ihre Arbeit und waren zufrieden mit dem, was sie hatten.  Die unrühmliche Geschichte mit dem Goldsuchen wollte man vergessen. Und wenn sie doch erwähnt wurde, dann nur, um die junge Generation vor der Geldgier zu warnen.

Seither sind viele Jahre ins Land gegangen. Der Alpstein ist ein mystisches und wunderschönes Land geblieben mit seinen markanten Bergketten und Tälern, den lieblichen Bergseen und den vielen freundlichen Gaststätten, die zwar keine Goldsucher  empfangen, dafür aber Tausende von begeisterten Wanderer aus der ganzen Welt. Die Gegend ist auf diese Weise  zu einer wahrhaftigen Goldgrube! geworden  Bären gibt es schon lange keine mehr, die sind weiter ins Bündnerland und von dort wohl über die Grenze in die italienischen Alpen gezogen.

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das weltberühmte Berggasthaus Äscher oberhalb Wasserauen

Dort, wo laut seinem Bericht, der Brülisüggu den Goldklumpen in der Asche gefunden hat, unterhalb der senkrecht aufragenden Wand der Ebenalp, befindet sich das Restaurant Äscher. Man kann dort die beste Rösti von ganz Switzerland geniessen. Schutzsuchend lehnt sich die Herberge an den Fels. Ein steiler, aber sicherer Pfad führt vom Dorf Wasserauen hinauf.

Und jetzt hört gut zu was mir passiert ist…..ich war fast am Ziel, der Weg führte grad an einer Felswand vorbei – da lag auf dem Weg ein Stein mit einem Gesicht drauf. Ich nahm ihn zur Hand. Ein eigenartiges Gefühl überkam mich, als ich ihn näher betrachtete. Irgendwie faszinierte mich das Antlitz des Mannes auf dem Stein. Ob ich ihn nach Hause nehmen soll? Er war zwar recht gross und abgesehen von dem Gesicht nicht besonders schön. Halt ein Klumpen. Ach was….unnötiges Gewicht auf der Wanderung. Ich legte den Stein also zurück auf einen Vorsprung an der Felswand und fotografierte ihn, um wenigsten so ein Andenken an das Gesicht im Stein zu haben.

…und jetzt , wo ich das Foto am Bildschirm betrachte, erkenne ich, dass der Stein aus Gold ist! Kein Witz, schaut ihn selber an! Wie konnte ich das übersehen? Ich habe einen Klumpen Gold einfach liegen lassen! Unglaublich! Ich kanns nicht fassen! Ich sollte zurück gehen und das Gold holen! Aber da ist es mir, als würde der Mann im Stein mir eine Geschichte erzählen wollen….

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de Chräzerewalli?

Erinnerung an Matis

Erinnerungen an Matis

Wir trafen uns das erste Mal auf der Strasse. Matis wohnte in der Nachbarschaft. Man sah ihn oft draussen bei den Leuten stehen. Er hatte sich gerne mit allen unterhalten und so kam auch ich eines Tages ins Gespräch mit ihm. Mit seinen über 80 Jahren war er ungewöhnlich fit und sein Gesicht strahlte eine unglaubliche Frische und Schönheit aus. Er war verwitwet und lebte alleine in seinem Haus. Sein Leben lang hatte er mit Steinen gearbeitet. Wenn er  von seinen  Maurer- oder Pflasterarbeiten erzählte, kam er ins Schwärmen.  Steine waren für ihn wie Blumen.

Sein grosses Hobby war das Tanzen. Er hat mir viel von den Tanznachmittagen und den Damen erzählt, die er dort traf. Er hat liebte die Frauen und auch mit mir ab und zu geflirtet. Ein Gentleman war er, immer anständig und immer fröhlich.  Ich mochte ihn sehr gerne.

Einmal lud er mich zum Tanzen ein. Leider kann ich überhaupt nicht tanzen, aber ich dachte mir, mit ihm wird es schön gemütlich gehen, dass schaffe ich schon. Er war sichtlich stolz, vor den Augen der durchwegs älteren Gesellschaft eine junge Frau zum Tanze auffordern zu dürfen. Entgegen meiner Hoffnung hatte Matis richtig Schwung drauf. Ich musste ein schlechtes Bild abgegeben haben. Jedenfalls hat er am Schluss trocken gemeint, Ich sei steif wie ein Brett. Wir mussten alle herzlich lachen.

Das Tanzen mit ihm liess ich fortan bleiben. Wir haben uns aber immer wieder mal getroffen. Ab und zu kam er auch zu unserem Mittagstisch in der Stadt.

Eines Tages brach er sich den Fuss und damit fing ein längerer Leidensweg für ihn an. Sein Humor blieb aber ungebrochen. Ich erinnere mich an einen Besuch im Krankenhaus. Wir hatten solchen Spass miteinander. Während er isich m Bett ausruhte, sass ich in seinem Rollstuhl und tat, als könnte ich nicht mehr gehen.

Während dieser Zeit im Krankenhaus willigte er ein, seinen Haushalt aufzugeben und ins Altersheim zu ziehen. Er lebte sich gut ein in seinem neuen Zuhause und alle mochten den neuen Mitbewohner. Der Fuss kam auch wieder in Ordnung und Matis konnte sogar wieder Tanzen gehen.

Unsere Kontakte wurden aber seltener. Das lag sicher daran, dass das Altersheim in einem anderen Dorf war und man sich eben auf den Weg machen musste. Man sah Matis auch nicht mehr so oft in der Stadt. Andere Menschen kamen in sein Leben, und auch wir gingen unseren Weg.

Das letzte Mal – es ist eine ganze Weile her – habe ich Matis in der Stadt angetroffen. Er sass in einem Strassencafe. Ich habe mich sehr gefreut und mich zu ihm gesetzt. Dasselbe schelmische Lachen, dieselben funkelnden Augen. Er war einfach unverwüstlich. Aber er konnte sich nicht mehr an meinen Namen erinnern. Sein Gedächtnis hatte stark nachgelassen. Trotzdem hatten wir einen fröhlichen Schwatz, bevor ich meinen Weg fortsetzte.

Gestern nun haben wir zufällig von Matis gesprochen. Während des Gesprächs hatte ich plötzlich das Bedürfnis, ihn zu besuchen und zu schauen wie es ihm geht.
Heute, auf dem Nachhauseweg von meiner Freundin hielt ich beim Altersheim an. Ich betrat die Eingangshalle und suchte seinen Namen und die Zimmernummer auf der Bewohnerliste. Da kam eine Frau auf mich zu und fragte, wen ich denn suchte.
Matis.
In diesem Augenblick trugen Männer einen Sarg an uns vorbei zum Ausgang. „Dort tragen sie ihn hinaus“, sagte sie sichtlich berührt. „Er ist heute Nacht friedlich eingeschlafen“.

Lieber Matis, hast du mich gerufen? Wolltest du dich noch verabschieden? So wie du warst…ohne viele Worte, mit einem Zwinkern in den Augen…

In einem wunderschönen Sarg haben sie dich zu Grabe getragen. Du hast das Leben geliebt. Dein Lachen, deine positive Sicht der Dinge werde ich nie vergessen. 

Leb wohl, Matis

…wer Abschied nimmt, möchte in unseren Herzen bleiben