Tütüt 🎉

Es blühte in der Tüte
ein unverschämt Gedicht
und schäumte und verblühte 
und alsbald war es nicht

Doch die Tüte glühte
sie war vor Scham ganz rot
und weil sie niemand kühlte
schämte sie sich tot

Drum möge, Gott behüte
kein unverschämt Gedicht 
noch einmal in die Tüte
Nein, das kommt mir nicht!

🎉🎉🎉

Vergebung ist gut, Versöhnung ist besser

Ohne Vergebung kommen wir in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen nicht weit. Konflikte gehören zum Leben und wollen gelöst werden. Wer nicht vergeben kann und die Schuld stets beim anderen sucht, belastet nicht nur sein Gegenüber, sondern vor allem sich selbst.
Dennoch kann ein bitterer Nachgeschmack bleiben, wenn die andere Person nicht in den Vergebungsprozess einbezogen werden kann und Vergebung einseitig bleibt. Es fällt dann schwerer, einen Schlussstrich zu ziehen – selbst wenn man dem anderen bereits vergeben hat.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Ein Konflikt ist erst dann wirklich überwunden, wenn beide Seiten miteinander sprechen können und es zu einer Versöhnung kommt. Manchmal geschieht sogar etwas Erstaunliches: Im Rückblick wird der Konflikt als wertvoll für die Beziehung empfunden, weil beide daran gewachsen sind.
Ein solcher Ausgang ist wohl der schönste, den ein Konflikt nehmen kann. Doch selbst wenn eine Beziehung nicht weitergeführt wird, ist es befreiend, wenn beide Parteien sich aussprechen und versöhnen können.
Menschen, die einander vergeben haben, sprechen später nicht mehr mit Bitterkeit über ihre Konflikte. Sie erzählen mit Freude von dem Weg, den sie gemeinsam gefunden haben.

Mit eben dieser Freude möchte ich euch eine Geschichte erzählen.

Es waren zwei völlig unterschiedliche Welten, die damals aufeinanderprallten. Da war ich – jung, fröhlich und voller Lebensfreude. Und da war Nira, eine etwas ältere Israelin, die bitter geworden war und aus sicherer Distanz misstrauisch auf alles und jeden blickte.
Was uns zusammenführte, war die hebräische Sprache. Ich wollte Hebräisch lernen und fragte Nira, ob sie mir Privatunterricht geben würde. So trafen wir uns regelmässig. Wir hatten beide Freude daran – sie am Unterrichten, ich am Lernen. Mit der Zeit entwickelte sich daraus sogar eine Freundschaft. Wir verbrachten immer mehr Zeit miteinander, gingen gemeinsam wandern und führten lange Gespräche. Der Höhepunkt unserer Freundschaft war eine gemeinsame Reise nach Israel.
Und doch blieb zwischen uns stets eine Mauer bestehen. Je mehr ich versuchte, sie einzureissen, desto mehr schien Nira sie aufrechterhalten zu wollen. Obwohl wir inzwischen dieselbe Sprache sprachen, verstanden wir uns immer weniger. Unsere unterschiedlichen Lebensanschauungen wurden zunehmend zum Stolperstein.
Mein Optimismus prallte immer häufiger auf Niras negatives Denken. Hier Kritik, dort Kritik. Eigentlich war nichts gut genug – ausser es war perfekt.
Ich war alles andere als perfekt und konnte es ihr nie recht machen. Langsam verlor ich die Freude an ihrer Gesellschaft. Es kam mir vor, als würde meine gute Laune sie geradezu zum Klagen herausfordern. Immer häufiger wurde ich Ziel ihrer verletzenden Kritik.
Schliesslich kam der Tag, an dem ich den Kontakt abbrach. Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht, denn ich wollte Nira wirklich eine Freundin sein. Gleichzeitig wollte ich mich der ständigen Kritik nicht länger aussetzen.
Dass unsere Freundschaft gescheitert war, beschäftigte mich noch lange und machte mich traurig.

In den folgenden Jahren begegneten wir uns nur noch gelegentlich im Dorf. Wir grüssten uns, fragten einander, wie es gehe, doch mehr liess ich nicht zu. Obwohl ich spürte, dass Nira mich freundlich anlächelte, war die Ablehnung, die ich früher so oft erlebt hatte, in mir noch immer präsent.

Einige Jahre später trafen wir uns ganz unerwartet wieder. Ich war auf dem Weg ins Seniorenheim, als ich Nira vor dem Eingang in einem Rollstuhl sitzen sah – in sich zusammengesunken und sichtlich von ihrer Krankheit gezeichnet.
Wir sahen uns an, und in diesem Moment geschah etwas Wunderbares. Erschrocken über ihren Zustand spürte ich, wie sich in meinem Herzen etwas öffnete. Plötzlich war da eine tiefe Liebe und Annahme. Gleichzeitig empfand ich Hilflosigkeit und Demut. Es war, als würde der Raum um uns weit werden. So kamen wir miteinander ins Gespräch.

Wir sprachen Hebräisch – unsere gemeinsame Sprache. Doch diesmal war es, als würden wir uns wirklich verstehen. In den vergangenen Jahren hatten wir beide Erfahrungen gemacht, die uns reifer und weicher werden liessen.
Nun war es Nira, die eine Bitte an mich hatte.
„Besuche mich. Sprich mit mir in meiner Muttersprache. Das würde mir guttun.“
Und ich antwortete von Herzen:
„Ja, ich werde dich besuchen.“

Das war vor einem Jahr. Das war vor einem Jahr. Seit unserer Versöhnung haben wir nie wieder über die Schwierigkeiten unserer früheren Beziehung gesprochen. Es war, als hätten sie ihre Macht über uns verloren.
In einer Woche reisen wir gemeinsam nach Israel. (Nira ist zwar noch immer manchmal etwas missmutig und eigen – 😊 – aber es stört mich nicht mehr.) Keine von uns hätte je gedacht, dass wir ihre Heimat noch einmal gemeinsam bereisen würden.
Drückt uns die Daumen für diese nicht ganz einfache Reise. Möge es für Nira – die trotz allem doch eine mutige Frau ist – ein unvergesslich schöner 70. Geburtstag im Kreis ihrer Familie werden. Und möge sie ihren hochbetagten Vater in ihrem Dorf im Süden Israels noch einmal in die Arme schliessen können.

Ergänzung

Im Frühjahr 2023 reisten Nira und ich ein zweites Mal gemeinsam nach Israel.
Aus unserer schwierigen Geschichte war eine tiefe Freundschaft geworden. Für die Zeit, die wir nach unserer Versöhnung miteinander verbringen durften, bin ich unendlich dankbar.
Am 21. Februar 2024 starb Nira nach langer Krankheit und zutiefst erschüttert über die Ereignisse des 7. Oktober 2023.

Ihr Andenken ist mir zum Segen geworden.

Menage à Trois

«Wer von euch Beiden schläft heute Nacht bei mir?»
Etwas belustigt wirft sie die Frage in die Runde. Nie im Leben hätte sie gedacht, einmal in eine solche Situation zu geraten. Die beiden Männer allerdings auch nicht. Es ist das erste Mal, dass er bei ihnen zu Hause übernachten würde.
„Natürlich soll ER bei dir schlafen“. sagt ihr Mann. „Er ist nur für ein paar Tage da. Geniesse die Zeit mit ihm!“

Alles ist anders geworden seit jenem Abend im Wohnzimmer, als sie wieder einmal versuchte, ihren Mann ins Reich der Sinnlichkeit zu entführen. Für einmal entschied sie sich, ein hübsches Dessous anzuziehen, mit romantischen Spitzen, obwohl das überhaupt nicht ihr Stil war. Vielleicht hilft es ja, dachte sie bei sich selbst. 
Seit sie ein Paar sind, war es stets sie, welche die Initiative zum Liebesspiel ergriff und den führenden Part innehatte. Anfangs störte sie sich nicht daran. Es machte ihr sogar Spass, diese Rolle zu haben. Aber mit den Jahren wurde es offensichtlich, dass er nie von sich aus zu ihr kommen würde. Im Gegenteil, es schien ihm je länger je schwerer zu fallen, sich auf solche Momente einzulassen. 
Gespräche halfen nicht viel, beide fühlten sich danach jeweils extrem hilflos. Er konnte ihr nicht erklären, warum er keine Lust verspürte, und sie konnte es nicht verstehen. Wie ein dunkler Schatten legte sich das Thema auf ihre sonst so glückliche Ehe. 


Es war ein schöner Abend im Juli. Herrlich war die laue Luft nach der Hitze des TagesDie Türe zur Terrasse stand offen und ein leichter Wind bewegte die Vorhänge
In ihrer ungewöhnlichen Aufmachung hatte sie es sich auf der Couch gemütlich gemacht. Sie verbrachte bereits einen netten Nachmittag und war dementsprechend guter Laune. Über ihr Vorhaben musste sie ein wenig schmunzeln…es war wirklich nicht so ihr Ding, aber sie freute sich dennoch und konnte es kaum erwarten, bis er nach Hause kommen würde. Immer wieder änderte sie ihre Sitzposition, versuchte sich in ihrem Dessous optimal in Szene zu setzen.
Und dann kam er. Wie jeden Abend rief er ihr bereits unter der Türe ein fröhliches „Hallo“, zu, welches sie ebenso fröhlich von ihrer Couch aus erwiderte. Die mitgebrachte Post in der Hand, stand er alsdann im Wohnzimmer, lächelte ihr verstohlen zu, legte die Zeitungen auf den Tisch und begab sich in die Küche, mit der Bemerkung:
 „Erst mal ein Bier!“
Hätte sie ihn nicht aufgehalten und mit einem Augenzwinkern eingeladen, sein Bier doch bei ihr auf der Couch zu trinken, wäre er damit schnurstracks auf der Terrasse verschwunden.
Nun aber schaute er sie verlegen an. Er verstand den Wink ja nur zu gut. Er überlegte kurz, stellte das Bier hin und verschwand in seinem Zimmer.
Was hatte er vor?
Als er zurückkam, war er nur noch mit einer altmodischen Badehose bekleidet, die er weit über dem Wohlstandsbäuchlein zugeschnürt hatte. Er stellte sich witzig vor sie hin und meinte: „Wenn du dich verkleidest, dann mache ich das doch auch!“
Verdattert und mit offenstehendem Mund starrte sie ihn an. Es verschlug ihr nicht nur die Sprache, sondern auch jegliche Hoffnung auf einen romantischen Abend.
«Nein, so funktioniert es nicht. Und nichts wird je funktionieren!»
Eigentlich wussten sie es schon lange, aber beide hatten sie Angst, es auszusprechen. Was würde passieren, wenn sie einander offen sagen würden, was sie dachten und fühlten?
Und dann schoss es einfach aus ihr heraus, als er sich, selber überrascht über die Wirkung seines Auftrittes, neben ihr auf die Couch setzte: „Wir würden besser als Bruder und Schwester zusammen leben, nicht wahr?“ Er nickte nur und starrte hilflos ins Leere.
 „Ja, warum machen wir es dann nicht?“
Er dreht seinen Kopf und schaut sie fast ungläubig an: „Ja, meinst du?“ 
„Ja, meine ich!“
Und dann geschah etwas Unerwartetes. Zwei Menschen blickten sich aufrichtig in die Augen. Der Raum wurde plötzlich weit, das Reden leicht, ja, fast beschwingt. Der Abend schien auf einmal doch noch vielversprechend zu werden.
Wie zwei Verschworene sassen sie auf der Couch und malten sich eine neue Zukunft aus. Heimlich und leise entliessen sie sich gegenseitig als Mann und Frau und sprachen einander die Freiheit zu, wieder „Single“ zu sein. Dass SIE nicht Single bleiben würde, lag auf der Hand, aber es berührte sie dennoch sehr, dass er von sich aus das Thema anschnitt und ihr wohlwollend eine Liebesbeziehung mit jemand anderem zugestand. Gleichzeitig versprachen sie sich, als beste Freunde immer füreinander und für die Familie da zu sein. 
Es kam ihnen vor wie ein Abenteuer, was sie da im Geheimen ausheckten.

Weder sie noch er wusste, ob es auch funktionieren würde. Doch für diesen Moment lagen sie überglücklich nebeneinander auf der Couch. Schon lange hatten sie sich nicht mehr so nahe und so verbunden gefühlt. Voller Hoffnung umarmten sie den Augenblick und – als würden sie ihre Entscheidung besiegeln wollen, küssten sie sich innig.
Die letzten Sonnenstrahlen drangen durch die leicht gekippten Jalousien und tauchten das Wohnzimmer in ein warmes, zauberhaftes Licht. Es war gerade, wie wenn der Himmel seinen Segen dazu geben wollte..

„Nein, ich schlafe in meinem Zimmer, es ist gar kein Problem. Ich bin schliesslich Gast bei euch!“  erwiderte der Besucher beschwichtigend.
Es war eine verrückte Situation.Wie gerne hätte sie beide Männer in die Arme genommen und sie fest an sich gedrückt. Aber sie tat es nicht, und schliesslich zog sie sich alleine in ihr Schlafzimmer zurück.

Es war noch früh, durchs offene Fenster drang die kühle Morgenluft. Sie drehte sich um und kuschelte sich nochmals in die Decke. Bald würde ihr Mann rüberkommen und ihr den Kaffee ans Bett bringen, wie er es immer tut. Zusammen würden sie den Tag beginnen, dies und jenes besprechen, bevor er zur Arbeit fuhr.

Später an diesem Morgen unter der Haustüre, winkte sie ihm nochmals zu und liess dann die Türe leise ins Schloss fallen. Die Hand noch auf der Türklinke, hielt sie kurz inne. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie war glücklich. 
Dann drehte sie sich um, ging zur Küche und setzte das Wasser auf. Er mag lieber Tee und gerne mit viel Milch. 
Gleich wird sie an die Türe des Gästezimmers klopfen, den Tee neben ihm auf den Nachttisch stellen und ihn sanft wecken. Der Tag wird nur ihnen gehören.