Der Fleck muss weg!

Zumindest dachten das unsere Gäste. Dabei hatte sich der Fleck mit den Jahren ganz gut in die Maserung des Tisches eingefügt. Etwas dunkler als der Tisch selbst, aber immer noch holzfarben. Niemand weiss, wie er dorthin gekommen ist, und mit der Zeit war es auch egal. Schliesslich ist so ein Tisch ein Gebrauchsgegenstand. Unserer war seit 20 Jahren das zentrale Möbelstück in der Wohnung. Viele Menschen hatten schon daran Platz genommen, und der besagte Fleck war mitnichten der einzige Zeuge seines Alters: Da waren Eindrücke von Fingernägeln, Gabeln, Löffeln und anderen Gegenständen, Wasserringe, Spuren vom Hämmern und Brotschneiden und Basteln – kurzum: ein intensiv genutzter Tisch, der aber nichts von seiner Schönheit eingebüsst hat.

Das mit dem Hämmern war übrigens ich. Es geschah am Tag, als der Tisch geliefert wurde – genauer gesagt war er noch keine Stunde im Wohnzimmer. Da habe ich ihn demonstrativ im Beisein meines Mannes als Gebrauchsgegenstand eingeweiht, indem ich den Tisch als Unterlage benutzte, um die Aufhängevorrichtung für einen Bildrahmen anzubringen. Dummerweise waren die Nägel, welche ich reinhämmerte etwas zu lang. Am Ende hing das Bild nicht an der Wand, sondern war auf der Tischplatte festgenagelt. Und dann auch noch mit der Bildseite nach unten. Nicht schön.

Aber nun zurück zum Fleck. Viele Jahre später:
Als einer unserer Airbnb Gäste die Pfanne, die er zuvor auf den Tisch gestellt hatte, wieder wegnahm und den Fleck darunter entdeckte, erschrak er, weil er glaubte, einen Brandfleck verursacht zu haben. Er vergass völlig, dass der Fleck schon immer da gewesen war – und auch, dass er die Pfanne kalt auf den Tisch gestellt hatte. Mit Hilfe eines Pfannenreinigers versuchte er, den vermeintlichen Brandfleck weg zu rubbeln – allerdings ohne viel Erfolg. Niedergeschlagen berichtete er mir von seinem Missgeschick.
Zum Glück war ich zu der Zeit gerade intensiv damit beschäftigt, die Dinge positiv zu betrachten. Ich fand es also spontan lustig, klärte ihn über den alten Fleck auf und schliesslich mussten wir beide darüber lachen. So gut es ging, ölten wir die aufgeraute Stelle ein, und siehe da: Es sah wieder ganz gut aus – der Fleck erstrahlte wieder in seinem alten Glanz.

Damit wäre die Geschichte zu Ende gewesen, wäre da nicht der nächste Gast gewesen. Er wollte sich schon am ersten Tag für unsere Gastfreundschaft erkenntlich zeigen. Womöglich dachte er, dass es mich besonders freuen würde, wenn er sich um Dinge kümmern würde, die ich bei aller Routine links liegen liess. Er sah den Fleck auf dem Tisch und entschied kurzerhand, dass dieser weg kann.

gründliche Fleckenentfernung

Mit Hingabe und Geduld schrubbte er die Stelle blank. Ich war leider nicht zugegen und bekam nur noch das Endergebnis zu sehen. Perfekte Arbeit. Kein Fleck mehr. Dafür viel aufgeraute, rohe Holzfläche. Einem Tischler wären glatt die Tränen gekommen. Aber ich war mittlerweile schon geübt mit Schadensfällen und vorausschauend.
„Macht nichts, den schleifen wir einfach ab“, sagte ich. Etwas konsterniert war ich aber schon. Die Missgeschicke häuften sich in letzter Zeit.

Als ich kurz darauf den Mixer sauber gewaschen, aber eigenartig zusammengesetzt auf der Küchenablage vorfand, entschloss ich mich, unserem Gast eine kleine Einführung in unseren Haushalt zu geben, bevor alles Kopf steht.

In der Folge hatte sich der Gast noch sehr gut eingelebt, und der Tisch sah nach dem Abschleifen wieder wie neu aus.

Missgeschicke gab es noch viele. So ist es eben, wenn man Gäste beherbergt.
Mit der Zeit lernte ich wirklich, die Dinge gelassener zu sehen. Meist liess sich der Schaden beheben – und manchmal war es danach sogar besser als vorher.
In diesem Zusammenhang und wenn ihr noch Lust auf Missgeschicke habt, verweise ich gerne auf mein Gedicht „der Wasserkocher“

Ich wünsche euch allen einen fröhlichen Tag ohne grosse Missgeschicke. Liebe Grüsse Brig

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