Noch einen Schritt…

…und ich wäre im Schlamm versunken.

Heute ist mir unverständlich, wie ich mich in eine derart gefährliche Lage bringen konnte. Ich war allein auf dem Israel National Trail unterwegs, der auf diesem Abschnitt durch ein bewaldetes Gebiet entlang des Flusses Yarkon führte. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Seit Tagen hatte es stark geregnet, und der Fluss war bis zum Rand mit dunklem, schlammigem Wasser gefüllt. Der Weg sah kaum besser aus.
Den morastigen Passagen versuchte ich so gut wie möglich auszuweichen. Ich war nun schon eine ganze Weile unterwegs und hatte bereits einige Hindernisse tapfer überwunden. Doch dann kam der Moment, in dem ich vor lauter Schlamm und Wasser den Weg nicht mehr erkennen konnte. Trotzdem ging ich weiter – umkehren war keine Option mehr. Plötzlich spürte ich, wie der Boden unter mir nachgab. „HALT! ZURÜCK!“

Sofort zog ich den Fuß aus dem Schlamm und setzte vorsichtig einen Schritt zurück, wobei ich darauf achtete, einen Büschel Gras als Halt zu erwischen. Langsam verlagerte ich mein Gewicht und tat dasselbe mit dem anderen Fuß. Schritt für Schritt ging ich rückwärts, bis ich wieder festeren Boden unter mir spürte.

Dann ergriff mich der Schrecken. Panikartig kletterte ich die steile Böschung auf der anderen Seite des sumpfigen Weges hinauf. An Sträuchern und Ästen konnte ich mich festhalten und hinaufziehen. Mein Herz pochte. Ich begriff, dass ich gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen war. Beinahe wäre ich in den Fluss gerutscht.
Oben angekommen, rannte ich in die Richtung, von der ich glaubte, am schnellsten aus dem dichten, sumpfigen Dschungel herauszukommen. Weg vom Fluss, vom Wald – bloß weg hier!

Und wirklich – schon bald befand ich mich außerhalb des Waldes mitten in einer riesigen Grapefruitplantage. Aus der Ferne vernahm ich schwache Autogeräusche. Es konnte also nicht mehr weit bis zu einer Straße sein. Aber ich war völlig außer Atem. Erst einmal verschnaufen.
An Armen und Beinen spürte ich die Kratzer, die ich beim Hochklettern der Böschung abbekommen hatte. Ich blickte mich um. In einiger Entfernung entdeckte ich einen Mann, orthodox gekleidet, der regungslos zwischen den Bäumen stand. Ob er wohl betete? Ich lief auf ihn zu und sprach ihn an: „Kannst du mir bitte den Weg zur Straße zeigen?“
Ich wusste aus Erfahrung, dass orthodoxe Männer sich Frauen gegenüber oft zurückhaltend verhalten. Doch er antwortete freundlich: „Komm mit mir, ich gehe denselben Weg.“
Seine Worte wirkten wie eine Umarmung, wie Erlösung. Wer weiß, vielleicht hatte er meine Erschöpfung und meine Angst gesehen. Wir gingen schweigend nebeneinander her. Mit jedem Schritt wurde mir leichter ums Herz. Ich konnte wieder ruhig atmen.
Da begann ich mich zu fragen, was er wohl allein in dieser Plantage gemacht hatte. Er wirkte nicht wie jemand, der dort arbeitete. Vielleicht hatte er tatsächlich gebetet? Schließlich fasste ich mir ein Herz und fragte: „Was hast du eigentlich ganz allein in der Plantage gemacht?“
Er antwortete nicht sofort. Sein Blick ging ins Leere, als würde er etwas in sich abwägen. Dann sagte er leise: „Ich glaube, ich habe auf dich gewartet.“

unerwartet erwartet sein
Begegnung mit einem Fremden, die ich nie mehr vergessen werde

Fotoprojekt 2024/Würfelspiel/April

Beitrag zum Fotoprojekt 2024 von Royusch

Endlich ist es Frühling geworden und man kann wieder draussen auf dem Balkon sitzen und das warme Wetter geniessen.
Die Würfel sagen: Zwei! Zu zweit wäre es noch schöner, mit einem DU 😀😀

das Wort für den April : DU
Ohne DU verlier ich mich
Wer bin ich denn - ganz ohne dich?
Ab und zu
brauch ich ein DU
denn DU machst mich zum wahren ICH


hier klicken für weiterführende Gedanken von Martin Buber zum Thema DU



wortlos

Wortlos
bist du fort gegangen
ohne einen Blick zurück 
Alles hast du mitgenommen
wars auch gestern erst
da strahltest du vor Glück

Wortlos
sind wir da gestanden
ohne Antwort, ohne dich
nichts mehr war von dir vorhanden
dein Platz war leer
unabänderlich

Wortlos
sind wir auch geblieben
Traurigkeit und manchmal Wut
sind eingezogen anstatt Frieden
wie du gegangen bist
das war nicht gut

Doch heute 
bin ich dir begegnet
schweigend schauten wir uns an
ich fühlte ihn
den Augenblick, der segnet
und nahm dich fest in meinen Arm

Nur ein Wort
hab ich gesprochen
weil ich weiss, wieviel es wiegt
in allem was in uns zerbrochen
wird etwas heil
wenn unsere Seele liebt

heilige Momente

Ich vermisse das Heilige
in den Begegnungen
das Berühren und berührt werden der Seele
Ich vermisse den Himmel
der sich auftut
wenn Menschen sich anvertrauen

So, wie es kürzlich geschah
im Zwiegespräch mit meiner drei Monate alten Enkelin:

Ich grüsste sie in ihrem Bettchen
da schaute sie zu mir hoch
und ihre Augen fingen an zu leuchten
Sie war plötzlich ganz aufgeregt
mir zu berichten
was sie erlebte
und was sie bewegte
Es war wunderbar, ihr zuzuhören


Für einen Moment
und das war heilig
tat sich der Himmel über uns auf

Da wurde mir wieder bewusst
wie sehr ich es vermisse

im Zug mit dir

I han di gseh
am Bahnhof stoh
kei Zwiifel
bisches du, Antonio

I red di a
bisch überrascht
du kennsch mi grad
und lachisch
echli verläge fascht

wie lang hei mir
eus nümme gseh
und überhaupt
hei mir eus je
so richtig gseh?

I gspüres grad
de Augeblick
de ghört jetz eus
mir stiige i
was für es glück
in gliiche Zug
du und ich
zmitzt i de lüüt
es isch eus gliich

I lueg di a
und stuune
was du seisch
und wie du redsch
alls a dir isch mir bekannt
dis Lachä
dini Art
ob du’s au fühlsch?
mir sind
meh als nur verwandt

de Zug chunnt a
im Bahnhof Züri
sisch nid s’letschti Mol
wo mir eus gsend
das gschpüri
i dir und mir
isch öppis blibe hange
en Teil vo eus
im andere
wird immer Sehnsucht ha
und blange

 

Für min Cousin Antonio
Mir hend eus chürzlich zuefällig am Bahnhof troffe, sind in gliiche Zug iigstiege und hend mitenand  gred,
wahrschinlich s’erschti Mol überhaupt i eusem Läbe. Es isch mer gsi…als hätt i no en Brueder becho…