…lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn

Heute ist in Israel Jom Kippur – der Versöhnungstag und höchste jüdische Feiertag. Das Land steht still: Kein Straßenverkehr, die Geschäfte sind geschlossen, und die meisten Menschen – auch viele nicht religiöse – fasten und halten die Ruhe ein.
Jom Kippur macht deutlich, welch hohen Stellenwert Versöhnung im menschlichen Leben hat. Und auch wenn zunächst die Versöhnung zwischen Mensch und Gott im Mittelpunkt zu stehen scheint, setzt diese die Versöhnung mit den Mitmenschen voraus. Es geht darum, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, um Vergebung zu bitten und, wo immer möglich, Frieden miteinander zu finden.
Da ich gerade in Israel bin, ist dieser Tag für mich Anlass, innezuhalten und über mein Leben und meine Beziehungen nachzudenken. Meine Gedanken gehen dabei besonders zu meinem Mann, dessen Todestag sich bald zum zweiten Mal jährt. Ich denke heute vor allem an die Worte, die ich ihm vor seinem Abschied nicht gesagt habe – und an eine Gelegenheit zur Versöhnung, die ich nicht genutzt habe.
Ihm seien die folgenden Zeilen gewidmet – und all jenen, die sich darin wiederfinden oder sich davon angesprochen fühlen.
Gerade heute,
wenn ich an dich denke,
schmerzt es mich,
dass wir uns nicht ganz versöhnt verabschieden konnten
Es gibt vieles, das zwischen uns offen geblieben ist.
Worte, die nicht mehr gesprochen wurden.
Dinge, für die wir einander noch hätten um Vergebung bitten müssen.
Es geschah nicht aus bösem Willen.
Wir haben es einfach nicht vermocht.
Das Leben hat nicht gereicht.
Gerade heute, wenn ich an dich denke, trösten mich deine letzten Worte, das Bild, welches du beschrieben hast deine Hand und meine Hand in einem Kreis Es tröstet mich, dass dieses Bild in mir bleibt und mich daran erinnert, dass wir uns geliebt haben. Wir haben das Beste füreinander gewollt. Wir haben wunderbare Jahre erlebt, auch wenn der Weg oft schwierig war. Das Leben mit dir war schön. Gerade heute bin ich dankbar dafür.
Gerade heute,
wenn ich an dich denke,
spüre ich,
wie sehr ich Versöhnung leben möchte.
Ich möchte um Vergebung bitten,
wo ich schuldig geworden bin
und vergeben, wo ich verletzt wurde.
Ich möchte Frieden haben
mit Gott und den Menschen
Gerade heute, wenn ich an dich denke, habe ich Zuversicht, dass Gott das Unversöhnte zwischen uns nicht einfach stehen lässt Ich vertraue, dass auch uns noch ein Jom Kippur, ein Versöhnungstag bevor steht, wo wir uns Wahrheit begegnen dürfen und verstehen werden. Ich glaube, dass das Unvollendete noch vollendet werden darf. Vor meinen Augen sehe ich es, deine Hand und meine Hand in einem Kreis. Gerade heute, wenn ich daran denke, freue ich mich darauf.