Morgen ist etwas Schönes passiert…

…oder wie die Schildkröte auf meinen Arm kam

Mein Mann und ich hatten uns online kennengelernt, zu einer Zeit, wo es das Internet in der heutigen Form noch gar nicht gab. Aber es gab Videotex. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob es eine Schweizer Erfindung war. Jedenfalls war Videotex das Internet der damaligen Zeit. Mit einem entsprechenden Telefon (Multitel) standen den Benutzern bereits Shopping, Telebanking oder das Abfragen des SBB-Fahrplans und eben auch ein Chatraum zur Verfügung.

Plötzlich konnte man mit wildfremden Menschen kommunizieren. Das war faszinierend. Durch die Anonymität wurden Hemmungen abgebaut, man war offener, direkter und ungewohnt ehrlich. Die Gespräche wurden schnell persönlich. So entstand auch zwischen uns bald eine Vertrautheit, die wir zu Beginn eigentlich gar nicht gesucht hatten. Zu dieser Zeit konnte man noch keine Bilder übermitteln, wir wussten also nicht, wie der andere aussah. Es war auch gar nicht wichtig. Wir haben einfach geredet und geredet. Schon bald wurden aus den online Gesprächen Telefonate und Briefe, die hin her durch die ganze Schweiz reisten. Selbst beim Briefeschreiben kam es uns nicht in den Sinn, Fotos mitzuschicken. Es lag wie ein Zauber über unserer Freundschaft, die ganz ohne Gesichter auskam. Aber es war uns schon klar, dass wir uns verliebt hatten und es nur noch eine Frage der Zeit wäre,
bis wir uns richtig kennenlernen würden.
Und dann kam der grosse Tag – das erste Date! Ich war ja so aufgeregt und malte mir im Vorfeld schon aus, wie es werden würde. Vor allem die Schildkröte, von welcher er mir erzählte, malte ich mir aus. Ich wollte auch eine. Er wusste natürlich nichts davon, aber ich schrieb ihm einen Brief, in welchem ich mich bereits dafür bedankte:

Lieber Jürg

wir haben uns endlich getroffen
nach den vielen Gesprächen
die wir geführt haben
nach den zahlreichen Briefen,
die wir uns geschrieben haben
musste er ja kommen – der Tag
an dem wir uns sehen würden
oder hab ich nur geträumt?
Nein, sie ist tatsächlich auf meinem Arm
die kleine Schildkröte,
die du mir draufgemalt hast.
Dieselbe wie dein Tattoo.

Sie ist ja so süss!
Ich wollte dir einfach Danke sagen dafür,

und für den wunderschönen Tag
Jetzt kennen wir
uns!

 alles Liebe
deine Brig 

Aber erst morgen wird es genauso gewesen sein!
Ich steckte den Brief in ein Couvert,
adressierte ihn, wie schon so viele zuvor
und brachte ihn zur Post.
Er soll ihn am Abend,
wenn er von unserem Treffen nach Hause kommt,
im Briefkasten vorfinden

die kleine Schildkröte auf seinem Arm,
Ich wollte unbedingt auch eine haben.
und damit begann eine aussergewöhnliche Liebesgeschichte
🐢❤️🐢❤️🐢








 

 

 

 

 

 

Menage à Trois

«Wer von euch Beiden schläft heute Nacht bei mir?»
Etwas belustigt wirft sie die Frage in die Runde. Nie im Leben hätte sie gedacht, einmal in eine solche Situation zu geraten. Die beiden Männer allerdings auch nicht. Es ist das erste Mal, dass er bei ihnen zu Hause übernachten würde.
„Natürlich soll ER bei dir schlafen“. sagt ihr Mann. „Er ist nur für ein paar Tage da. Geniesse die Zeit mit ihm!“

Alles ist anders geworden seit jenem Abend im Wohnzimmer, als sie wieder einmal versuchte, ihren Mann ins Reich der Sinnlichkeit zu entführen. Für einmal entschied sie sich, ein hübsches Dessous anzuziehen, mit romantischen Spitzen, obwohl das überhaupt nicht ihr Stil war. Vielleicht hilft es ja, dachte sie bei sich selbst. 
Seit sie ein Paar sind, war es stets sie, welche die Initiative zum Liebesspiel ergriff und den führenden Part innehatte. Anfangs störte sie sich nicht daran. Es machte ihr sogar Spass, diese Rolle zu haben. Aber mit den Jahren wurde es offensichtlich, dass er nie von sich aus zu ihr kommen würde. Im Gegenteil, es schien ihm je länger je schwerer zu fallen, sich auf solche Momente einzulassen. 
Gespräche halfen nicht viel, beide fühlten sich danach jeweils extrem hilflos. Er konnte ihr nicht erklären, warum er keine Lust verspürte, und sie konnte es nicht verstehen. Wie ein dunkler Schatten legte sich das Thema auf ihre sonst so glückliche Ehe. 


Es war ein schöner Abend im Juli. Herrlich war die laue Luft nach der Hitze des TagesDie Türe zur Terrasse stand offen und ein leichter Wind bewegte die Vorhänge
In ihrer ungewöhnlichen Aufmachung hatte sie es sich auf der Couch gemütlich gemacht. Sie verbrachte bereits einen netten Nachmittag und war dementsprechend guter Laune. Über ihr Vorhaben musste sie ein wenig schmunzeln…es war wirklich nicht so ihr Ding, aber sie freute sich dennoch und konnte es kaum erwarten, bis er nach Hause kommen würde. Immer wieder änderte sie ihre Sitzposition, versuchte sich in ihrem Dessous optimal in Szene zu setzen.
Und dann kam er. Wie jeden Abend rief er ihr bereits unter der Türe ein fröhliches „Hallo“, zu, welches sie ebenso fröhlich von ihrer Couch aus erwiderte. Die mitgebrachte Post in der Hand, stand er alsdann im Wohnzimmer, lächelte ihr verstohlen zu, legte die Zeitungen auf den Tisch und begab sich in die Küche, mit der Bemerkung:
 „Erst mal ein Bier!“
Hätte sie ihn nicht aufgehalten und mit einem Augenzwinkern eingeladen, sein Bier doch bei ihr auf der Couch zu trinken, wäre er damit schnurstracks auf der Terrasse verschwunden.
Nun aber schaute er sie verlegen an. Er verstand den Wink ja nur zu gut. Er überlegte kurz, stellte das Bier hin und verschwand in seinem Zimmer.
Was hatte er vor?
Als er zurückkam, war er nur noch mit einer altmodischen Badehose bekleidet, die er weit über dem Wohlstandsbäuchlein zugeschnürt hatte. Er stellte sich witzig vor sie hin und meinte: „Wenn du dich verkleidest, dann mache ich das doch auch!“
Verdattert und mit offenstehendem Mund starrte sie ihn an. Es verschlug ihr nicht nur die Sprache, sondern auch jegliche Hoffnung auf einen romantischen Abend.
«Nein, so funktioniert es nicht. Und nichts wird je funktionieren!»
Eigentlich wussten sie es schon lange, aber beide hatten sie Angst, es auszusprechen. Was würde passieren, wenn sie einander offen sagen würden, was sie dachten und fühlten?
Und dann schoss es einfach aus ihr heraus, als er sich, selber überrascht über die Wirkung seines Auftrittes, neben ihr auf die Couch setzte: „Wir würden besser als Bruder und Schwester zusammen leben, nicht wahr?“ Er nickte nur und starrte hilflos ins Leere.
 „Ja, warum machen wir es dann nicht?“
Er dreht seinen Kopf und schaut sie fast ungläubig an: „Ja, meinst du?“ 
„Ja, meine ich!“
Und dann geschah etwas Unerwartetes. Zwei Menschen blickten sich aufrichtig in die Augen. Der Raum wurde plötzlich weit, das Reden leicht, ja, fast beschwingt. Der Abend schien auf einmal doch noch vielversprechend zu werden.
Wie zwei Verschworene sassen sie auf der Couch und malten sich eine neue Zukunft aus. Heimlich und leise entliessen sie sich gegenseitig als Mann und Frau und sprachen einander die Freiheit zu, wieder „Single“ zu sein. Dass SIE nicht Single bleiben würde, lag auf der Hand, aber es berührte sie dennoch sehr, dass er von sich aus das Thema anschnitt und ihr wohlwollend eine Liebesbeziehung mit jemand anderem zugestand. Gleichzeitig versprachen sie sich, als beste Freunde immer füreinander und für die Familie da zu sein. 
Es kam ihnen vor wie ein Abenteuer, was sie da im Geheimen ausheckten.

Weder sie noch er wusste, ob es auch funktionieren würde. Doch für diesen Moment lagen sie überglücklich nebeneinander auf der Couch. Schon lange hatten sie sich nicht mehr so nahe und so verbunden gefühlt. Voller Hoffnung umarmten sie den Augenblick und – als würden sie ihre Entscheidung besiegeln wollen, küssten sie sich innig.
Die letzten Sonnenstrahlen drangen durch die leicht gekippten Jalousien und tauchten das Wohnzimmer in ein warmes, zauberhaftes Licht. Es war gerade, wie wenn der Himmel seinen Segen dazu geben wollte..

„Nein, ich schlafe in meinem Zimmer, es ist gar kein Problem. Ich bin schliesslich Gast bei euch!“  erwiderte der Besucher beschwichtigend.
Es war eine verrückte Situation.Wie gerne hätte sie beide Männer in die Arme genommen und sie fest an sich gedrückt. Aber sie tat es nicht, und schliesslich zog sie sich alleine in ihr Schlafzimmer zurück.

Es war noch früh, durchs offene Fenster drang die kühle Morgenluft. Sie drehte sich um und kuschelte sich nochmals in die Decke. Bald würde ihr Mann rüberkommen und ihr den Kaffee ans Bett bringen, wie er es immer tut. Zusammen würden sie den Tag beginnen, dies und jenes besprechen, bevor er zur Arbeit fuhr.

Später an diesem Morgen unter der Haustüre, winkte sie ihm nochmals zu und liess dann die Türe leise ins Schloss fallen. Die Hand noch auf der Türklinke, hielt sie kurz inne. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie war glücklich. 
Dann drehte sie sich um, ging zur Küche und setzte das Wasser auf. Er mag lieber Tee und gerne mit viel Milch. 
Gleich wird sie an die Türe des Gästezimmers klopfen, den Tee neben ihm auf den Nachttisch stellen und ihn sanft wecken. Der Tag wird nur ihnen gehören.