Begegnung in Tel Aviv /Dezember 2024

Vor einem Jahr habe ich die Festtage in Israel verbracht. Ich wollte nach dem plötzlichen Tod von Jürg weder Weihnachten noch das Neujahrsfest erleben. Und dann hatte ich folgende Begegnung:

Lieber Jürg
Sind wir und begegnet? Es ist mitten in der Nacht und ich denke gerade über die gestrige Begegnung im Busbahnhof in Tel Aviv nach…


Nach fast zwei Stunden Busfahrt, kam ich bei strömendem Regen in Tel Aviv an. Meine Stimmung war trüb wie das Wetter. Während der Reise musste ich viel an dich denken. Ich vermisste dich so sehr.
In dem grossen, alten und halbwegs verlassenen Busbahnhof suchte ich auf der sechsten Etage das Schild, das mir den Weg zum Ausgang zeigt.

Der Bahnhof hat insgesamt sieben Stockwerke. Ehemals war dieser nicht nur der grösste Busbahnhof der Welt, sondern auch das grösste Einkaufszentrum Tel Avivs, aber heute ist er wohl eher eine der grössten Gebäuderuinen der Stadt. Es gibt noch ein paar wenige Geschäfte, die ihre Waren anbieten, vor allem sind es Fast Food Geschäfte, wo sich die Reisenden schnell etwas zu essen kaufen können. Dazwischen verlassene Läden, Wände die herunter bröckeln, zum Teil komplett leere Hallen, halbwegs funktionierende Rolltreppen. Ein Treffpunkt für Randständige, Obdachlose und eben – zwangsläufiger Durchgangsort für Reisende.

Überall waren Schilder, die ich nicht verstand, ausser den Hinweis zur Toilette. Dorthin hätte ich eigentlich dringend gehen müssen, aber aus Erfahrung wusste ich, dass es besser ist, mich abzulenken und vorläufig nichts mehr zu trinken, als eine dieser Toiletten aufzusuchen. Und mit dem Gepäck im Schlepptau – das war ganz unmöglich.
Ich ging auf zwei Männer zu, die vor einem Geschäft sassen und sich unterhielten und fragte nach dem Ausgang. Der Jüngere gab mir freundlich Auskunft. Bezüglich der Toiletten konnte er mir nur bestätigen, dass es besser wäre, ich würde erst in der Eisenbahn zur Toilette gehen, aber ich dürfe das Gepäck gerne bei ihm lassen, wenn es dringend sei, so wäre es dann einfacher für mich.
Ich entschied mich zu warten und da es immer noch regnete und ich nicht in Eile war, blieb ich beim Geschäft stehen. So kam ich mit dem dem jungen Mann ins Gespräch. Seine herzliche und offene Art berührte mich. Er erzählte mir von seinen Träumen und fing gar an, mit mir zu philosophieren. Irgendwie fühlte ich mich wohl an diesem Ort, der doch eben gerade noch grau, verlassen und ungemütlich war.
Damit ich draussen mal nach dem Wetter schauen konnte, nahm er die Koffer fürsorglich für einen Moment zu sich in den Laden. Als ich zurück kam und sein Geschäft betrat, wurde ich erst gewahr, dass es ein Tabakladen war – alles voller Tabak, E- Zigaretten und allerhand Zubehör. Ich war für einen Moment sprachlos.

Unvermittelt sah ich mich in deinem Wohnwagen stehen, lieber Jürg – und vor mir stand der grosse Sack, den wir mit all den Tabakwaren füllten, welche wir in deinen Schränken und Regalen fanden. Dein Häuschen war ein regelrechter „Tabakladen“. Ich wusste das nicht. Du hast mir nie davon erzählt.

Die Erinnerung daran trieb mir die Tränen in die Augen.
Hier ist alles voller Tabak!“ sagte ich nur. Der junge Mann schaute mich verlegen an und meinte: „Naja, das ist mein Geschäft. Aber besser ist es, nie mit dem Rauchen anzufangen, nicht wahr?“
Und dann nahm er mich einfach in die Arme und sagt: „Du bist eine wunderbare Frau!“

Aufgewühlt verliess ich das Geschäft ohne mich nochmals umzudrehen. Obwohl alles in mir dort bleiben wollte, bei der Umarmung, beim Zuspruch. Bei dir im Wohnwagen. Aber meine Reise ging weiter, ich musste gehen.

Und mein Leben geht auch weiter, lieber Jürg. Ohne dich. Aber in meinem Herzen bist du immer dabei und manchmal fühlt es sich an, wie eine Umarmung und wie ein liebes Wort.

Deine wunderbare Frau

Nachtrag:
Jürg hatte sich vier Jahre vor seinem Tod einen Traum erfüllt – Leben auf dem Campingplatz
Ich habe ihn dabei tatkräftig unterstützt und mich mit ihm über sein herziges Häuschen mit Wohnwagen gefreut.
Es tröstet mich heute, dass er dies noch erleben und geniessen durfte.

sein Traum vom Wohnen auf dem Campingplatz wird wahr, Frühling 2021

Der alte Central Busbahnhof in Tel Aviv – ein verlassener Ort der Begegnung, Dezember 2024

After all

After all
it's just a door
through which one day
I'll walk for sure
and even if it's closed for now
it opens up my mind
somehow
I always loved
to think beyond
death and heaven,
all of that kind.
And since you' re there
I - even more -
feel like I’m drawn towards that door

Well - it means,
I think a lot
about our life, in every thought,
in all I do,
although you're gone,
your memory
is living on.
No door can stop it,
nor a key.
Love passes through eternity

Hochzeitstag

Ich sitze im lauschigen Gartencafe des jüdischen Museums und warte auf meine Bestellung. Nach einer zweistündigen Fahrt mit dem Fahrrad brauche ich eine Pause,  bevor ich an der Führung im Museum teilnehme.

Die Fahrt war schön, dem Rhein entlang auf gut ausgebauten Fahrradwegen. Wunderbares Wetter. Nur meine Seele wollte das alles nicht sehen. Heute ist unser Hochzeitstag.
In meinen Gedanken zogen die Erinnerungen vorbei – wie die Landschaft am Rhein und der sanfte Fahrtwind versuchte ständig, meine Tränen zu trocknen. 
Ich sollte heute doch nicht alleine sein.

„Weisst du noch lieber Jürg, wie wir unseren ersten Hochzeitstag gefeiert haben? Frühmorgens noch in der Dämmerung sass ich im Brautkleid im Garten auf einer Couch, die Türe zum Schlafzimmer weit offen. Eine romantische Lichterkette, ich glaube, ich habe sogar Kaffee gekocht und aus den Lautsprechern ertönte das Liebeslied, welches wir beide so mochten
Ich habe einfach gewartet, bis du davon aufwachst und rauskommst. Und du kamst  – mit einem grossen Brautstrauss! Es war wundervoll!
Am zweiten Hochzeitstag schenktest du mir zwei Blumensträusse, am dritten drei😊
Aber es gab dann auch Jahre ohne Blumen und Jahre, wo wir den Tag vergessen haben. Das war auch ok.
Heute wäre ich allerdings glücklich, mit dir feiern zu können. Es tut einfach so weh, dass du nicht mehr da bist.“

Ah – die Kellnerin kommt mit dem Kaffee und dem Kuchen, den ich vorher an der Theke ausgesucht habe. Der sah so lecker aus. 
„Was ist das eigentlich für ein Kuchen?“ frage ich die Dame. 
„Oh, das ist unser Spezial Angebot – eine jüdische Hochzeitstorte!“

„Hey – das ist jetzt aber nicht im Ernst? Sag mal – und ich blickte kurz zum Himmel – du Jürg?“  „Doch, doch, und nun iss schon, es ist unser Hochzeitstag, und du kannst ruhig für mich ein kleines Stück mitessen.“

Das habe ich dann auch getan. Ich ass den Kuchen fröhlich auf, genoss die anschliessende Führung durch die Ausstellung und fuhr gegen Abend gut gelaunt wieder nach Hause. Unterwegs legte ich einen Halt ein und liess am Rheinufer meine Seele baumeln. Was für ein schöner Hochzeitstag war das!
Danke Jürg, dass du doch noch bei mir warst.

Kein Jahr ohne dich


Ein Jahr ist um.
Ein Jahr ganz ohne dich.
Doch jeden Tag
tagtäglich
warst du hier.
Bei mir.
Drum sag ich’s andersrum:
Es war das Jahr mit dir.

Ein Jahr ist um.
Ein Jahr ganz ohne dich.
Doch ewig bleibt
für alle Zeit
der Liebe Band bestehn
Es ist darum:
Kein Jahr wird ohne dich vergehn.

dini Brig uf Ärde

Jenseitsland

Manchmal träum ich von dem Ort 
ein lieblich weites Land
wo die Sonne scheint
und Du stehst dort

Weinend, lachend
Witze machend
reichst du mir die Hand
und bald
aus meinem Traum erwachend
ist's fort, das Jenseitsland
Du hast gerne Witze gemacht 
und die Leute immer wieder zum Lachen gebracht

Ich vermisse dich
dini Brig uf Ärde

Abendgedanken

Ob du manchmal schläfst da oben?
Ob ich in deinen Träumen bin?
Denkst du zurück an unser Leben
und an die schöne Zeit darin?

Rollt dir manchmal auch 'ne Träne
herab auf das, was uns geschah?
Sehnst du dich, wie ich mich sehne
und wünschest dir, ich wäre da?

Gell, wir harren noch die Tage
Es kommt bestimmt die rechte Zeit
wo wir uns wieder - keine Frage
umarmen in der Ewigkeit

Dini Brig uf Ärde

I kämpfe um mis Läbe

I kämpfe um mis Läbe
um mini Läbesluscht
dass s’Härz nid bricht, es pochet 
so luut i miner Bruscht

Schwär isch jede Schnuuf
und s’tuet so weh, wohi
min liebe Götz bisch gange?
Wie chan i ohni di?

I kämpfe mit de Träne
demit, dich so lo go
mit all de ville Froge
mit dem, was zrugg hesch glo

D‘Zyt heilt alli Wunde 
wer weiss – so isch’s villicht
doch kämpf i no ums Läbe
und dass mis Härz nid bricht

Abschiedswort

Dein Abschiedswort
es redet fort
für immer
und in allem Schmerz
ist es mein Trost
und ist mein Hort

Als hättest du gewusst, dass uns ein schwerer Abschied bevorsteht,
sagtest du mir diese allversöhnende Liebesworte:
"Ich habe einen Kreis gesehen
und in dem Kreis sah ich deine und meine Hand"