was klebt da auf der Kaffeekanne?

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Ich wusste es nicht, und deshalb nahmen die Dinge an jenem Morgen ihren tragischen Lauf….

Der Morgen war nicht mehr ganz jung, als ich die steile Treppe hoch durch die Luke ins „Paradies“ meiner Tochter und ihrer Mitbewohner einstieg. Nach der zweistündigen Bahnfahrt freute ich mich vor allem auf einen gemütlichen Kaffee mit den Anwesenden und dann natürlich auf meine Enkeltochter, mit welcher ich den Tag verbringen sollte, da ihre Mama arbeiten musste.

Der erste Blick beim Öffnen der Luke zum besagten Paradies fiel auf das Hinterteil von Sibi. Sie stand neben dem Tisch und drehte sich eine Zigarette. Ihre Hose war von indischem Stil, viel Stoff und weit ausladend. Für einen Moment faszinierte mich der ungewöhnliche Anblick. Oben angekommen wandte sich mein Blick zum Herd, von wo das unverkennbare brodelnde Geräusch der „Macina“ herkam. Ich betrachtete die Kanne prüfend und stellte enttäuscht fest, dass diese nur für eine Tasse reichen würde. „Ob ich wohl auch einen Kaffee haben könnte?“ Die Frage rutsche mir beinahe noch vor dem „Guten Morgen!“ heraus…haha

„Ja klar“, meinte Sibi, „wieviel willst du denn? Meiner reicht für zwei kleine Espresso, wenn‘s dir recht ist“. „Hm…kann ich mir auch einen Grösseren machen? Hier steht ja noch eine Kanne“. „Sicher, mach nur“.

Nun ist dies ein Haushalt, wo man selten etwas beim ersten Anlauf komplett findet. Der untere Teil der Kanne fehlte. Mein geschulter Hausfrauenblick wanderte über das Küchentohuwabohu und durch den ganzen Raum. Nicht umsonst, ich finde das passende Unterteil auf dem Kühlschrank inmitten anderer, wohl seit langem unbeachteter Gegenstände. Das Teil war zwar schmutzig (da war so klebriges Zeug auf dem Boden der Kanne), aber die Freude, bald einen Kaffee trinken zu können, setzte wohltätige Gedanken in mir frei und ehe man sich versah, schrubbte die Grossmama die Kaffeekanne bis das Aluminium blank war.

„Ach nein, du solltest diese nicht benutzen“, unterbrach mich Sibi , als ich eben den Kaffee einfüllen wollte, “ die brauchen wir für andere Dinge, nimm doch einfach Meine“. Sie stellte mir ihre kleine, noch heisse Espressokanne hin. Gut. Dann putz ich die auch noch. Zuerst abkühlen, Kaffee raus, putzen, Kaffee rein. Die ersehnte Kaffeepause rückte in greifbare Nähe. Die Enkelin war inzwischen auch aufgestanden und zeigte verhaltene Freude über meine Anwesenheit. Sie wolle auf keinen Fall irgendwohin heute. Viel lieber zuhause bleiben und mit ihren Freundinnen herumhangen. Ja, das ist mir auch recht, obwohl…dann brauch ich eigentlich nicht den ganzen Tag hier zu sein, wenn niemand meine Gesellschaft wirklich braucht…und so kam es mir schon vor. Jeder geht hier seinen eigenen Tramp, lässt sich von einem Besuch wie Meinem, nicht aus der Spur bringen. Schon gar nicht an einem Sonntag.

Ich nippte genüsslich an meinem Kaffee. Wie konnte ich wissen, dass schon alles auf dem besten Weg war, und es sich nur noch um Minuten handeln würde, bis wenigsten einer aus der Spur geworfen wird…

„Guten Morgen Rolf“, gut geschlafen?“ begrüsste ich einen weiteren Mitbewohner des Hauses, als er bedächtig in die Küche schlurfte. Meine Frage war wohl überflüssig, seine geschwollenen Augen verrieten schon, dass der Schlaf nicht lang, die Nacht aber umso länger war. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass der Schlaf an diesem Ort nie auf seine Rechnung kommt und die Leute sich ständig in einer Art Wachkoma befinden.

In diesem bewegte sich Rolf langsam auf den Kühlschrank zu und nuschelte auf dem Dach desselben herum. Verwundert schlug er die Augen auf, ja sie weiteten sich plötzlich zu riesigen Tellern, während er wie erstarrt auf den Kühlschrank  blickte. Von Angst und böser Vorahnung ergriffen drehte er sich um und rief: „Wo ist die Kaffeekanne??

Ich wusste nicht nur die Antwort, augenblicklich offenbarte mir der Geist das Unfassbare….das klebrige Zeug auf dem Boden der Kanne war keineswegs Dreck, sondern irgendeine teure Droge.  Oh….nein! Ich versuchte, das Ganze mit Humor zu überspielen bis mir klar wurde, dass es viel schlimmer sein musste, als ich mir vorstellen konnte. Ich musste Rolf zugestehen, dass er angesichts der Tragik und des grossen Verlustes sehr gut reagierte und den Raum erst einmal verliess, um seine Wut irgendwo draussen rauszulassen und nicht an mir.
Ich hatte somit Zeit, mich in seinen zerbrochenen Zustand hinein zu versetzen und als er zurückkam, hatte ich einfühlsame und versöhnliche Worte für ihn parat. Die mögen ihn zwar gnädig gestimmt haben, aber seine Trauer über den verlorenen Trip war mächtig. Offenbar hatte ich ein wertvolles, von einer besonderen Person geschenktes Opium vom Kaffeekannenboden weg gekratzt. Der Wert war für ihn unersetzbar. Da hat auch meine Beteuerung nichts geholfen, dass ich für den Schaden finanziell aufkommen würde. Sibi pflichte Rolf bei, dass dies jetzt schon ganz blöd gelaufen sei, während dieser mit den Fingern tief in den Ausguss langte, in der Hoffnung, er könne das Verlorene noch zurückholen.
Die Situation war deprimierend und deshalb entschloss ich mich, nicht den ganzen Tag hier zu bleiben.

Leider war dies mitnichten das erste Missgeschick ist, das mir in dieser Wohnung passierte. Und siehe, es wäre bei einem Haar noch ein weiteres geschehen. Als ich die Badezimmertüre schliessen wollte, fiel doch der alt ehrwürdig vergoldete Handspiegel wieder vom Regal runter, dessen Rückseite durch mein Verschulden schon letztes Mal in Brüche ging. Zum Glück blieb er dieses Mal ganz, aber ich fühlte mich vom Unglück verfolgt und verlangte nur noch nach draussen an die frische Luft zu kommen.
Aber zuerst musste ich eben noch aufs Klo. Der Kaffee tat seine Wirkung.  Leider ging es nicht ohne Geruchsemissionen. „Ausgerechnet! Hoffentlich muss jetzt grad niemand aufs Klo“, dachte ich bei mir selbst.  „Wo ist das Fenster?“ Ahhhh……ich konnte mich nicht mal fertig orientieren, da geht auch schon die Türe auf (Schlüssel gibt’s keine in dem Haus) Die kleine Tochter von Rolf musste gaaaanz dringend aufs Klo! Ihr Vater kam auch grad mit rein. Ich stand augenblicklichvon der Kloschüssel auf, riss die Hose rauf, zog den Reissverschluss hoch, murmelte etwas von“ ich geh jetzt“ und steuerte direkt auf den Ausgang zu. Und nun zum Wetter.