Fata Morgana in der Eisenbahn

Ein wunderschöner Sommermorgen. Die Luft ist noch frisch, sie lässt aber schon erahnen, dass es ein heisser Tag wird. Die Eisenbahn ist voll besetzt, einige Schulklassen sind unterwegs. Sie setzt sich ein paar Jungs im Teenie Alter gegenüber und packt den Computer aus. Unbedingt möchte sie während der Fahrt die Übersetzung eines Briefes fertig schreiben.

Die auf sie gerichteten Blicke des einen Jungen – er ist ein bisschen mollig mit einem noch kindlichem Gesicht – lenkt sie ab. Neben den beiden anderen Jungs, die sich offensichtlich sehr cool finden und laut miteinander herum albern, wirkt er schüchtern und am falschen Platz. Er mag etwa 13 oder 14 Jahre alt sein. Mit grossen Augen starrt er sie fast ungläubig an. So kommt es ihr jedenfalls vor. Sie lächelt ihm zu und wendet sich etwas belustigt wieder ihrer Arbeit zu.P1070840

Doch er lässt seine Augen nicht von ihr. Sie spürt es und lächelt ihm erneut zu.  „Was geht wohl in seinem Kopf vor?“, denkt sie bei sich selber. „Er schaut ziemlich irritiert drein“.

Immer wieder fühlt sie seinen Blick auf sich ruhen, währendem sie versucht, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Auch sie ist irritiert ….und ja, irgendwie berührt. Dieser junge Mann, der eben gerade ins Alter kommt, wo man die Anziehungskraft des anderen Geschlechts entdeckt, scheint ausgerechnet gebannt von ihrer Erscheinung zu sein – einer fast 40 Jahre älteren Frau.

Plötzlich geniesst sie die Aufmerksamkeit, die ihr unerwartet zuteil wird. Sie fühlt sich gut und muss auch gar nicht erst in einen Spiegel schauen, um zu wissen, dass sie attraktiv aussieht. Von Zeit zu Zeit hebt sie den Kopf von ihrer Arbeit auf und schenkt ihm ein herzliches Lächeln. Sie mag ihn. Er scheint jedesmal noch mehr verwundert und von ihr angetan zu sein und erwidert das Lächeln scheu. Für einen kurzen Moment fragt sie sich, ob ihr Verhalten wohl richtig sei, aber dann zwinkert sie ihm doch wieder schelmisch zu.

Plötzlich kippt seine Stimmung um. Er schaut weg und sein Blick schweift sehnsüchtig, fast traurig in die Ferne. Die Jungs sind bald am Zielort und auch sie wird an der nächsten Station aussteigen.

„Er muss wohl eingesehen haben, dass sie nur eine Fata Morgana ist, die sich schon in ein paar wenigen Minuten auflösen wird,“ denkt sie bei sich selber. Ob er wohl gemerkt hat, dass sie in Gedanken völlig bei ihm war? Ob er wohl spürte, wie sehr sie die stumme Zwiesprache zwischen ihnen genoss?

Die anderen Jungs fangen an ihn zu ärgern. „Hey…was ist mit dir? Warum bist du so still? Woran denkst du?“

Da kommt die Lehrerin und bittet die Jungs, sich zum Austeigen bereit zu machen. Der zauberhafte Moment löst sich endgültig auf. Die Jungs stehen auf und ehe sie sich versah war er mit seinen Kameraden verschwunden. Gerne hätte sie ihm beim Vorbeigehen noch ein paar ermutigende Worte mit auf den Weg gegeben. Aber es ist gut so. Es fällt ihr leicht, loszulassen. Ihr Tag war gemacht und seiner hoffentlich auch. Im Stillen wünscht sie ihm von ganzem Herzen, es mögen noch viele solche zauberhafte Momente in seinem Leben werden.

Auf dem Weg zur Ausgangstüre hält sie plötzlich inne…..wer weiss, vielleicht waren es auch nur die zahlreichen Falten in ihrem Gesicht, die ihn so beindruckten?

Lachend steigt sie aus dem Zug. „Puhh……es wird wirklich heiss heute.“

Es ist ihr egal. Das Leben ist schön.

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