the indian experience

Eines Tages erfuhren wir von unseren indischen Nachbarn, dass ein Landsmann von ihnen für zwei Monate ein Zimmer in der Stadt suche. Sofort boten wir unser Gästezimmer an und bald darauf begrüssten wir den jungen Herrn an unserer Türe.

Balu war nicht nur sein Name, sondern auch seine Erscheinung. Er war ein Bär von einem Mann…eher aussergewöhnlich für einen Inder.  Wir hiessen ihn herzlich willkommen und luden ihn ein, sich das Zimmer mal anzuschauen. Er wollte aber zuerst das Badezimmer sehen. Ich war stolz, ihm ein schönes und grosses Badezimmer vorführen zu können. Ihn schien es auf den ersten Blick jedoch nicht zu überzeugen. Er wollte wissen, ob der Boden wasserdicht sei und ob er da alles nass machen könne. Der Boden sei sicher wasserdicht, aber eigentlich wäre die Dusche dort in der Ecke dafür vorgesehen, sich nass zu machen, erklärte ich ihm etwas irritiert, aber sehr freundlich.
E
r prüfte die Dusche, lächelte mich an und sagte: „I take it!“ Ohne das Zimmer noch sehen zu wollen. Kurz darauf zog er bei uns ein.

Schon am ersten Morgen dämmerte uns, dass das Badezimmer wohl sein Lieblingsaufenthaltsort ist. Wir sassen im Bett und tranken unseren morgendlichen Kaffee, während nebenan das Wasser fröhlich plätscherte. Nach einer halben Stunde wurde ich unsicher, ob unser Gast nicht Probleme hatte mit der Dusche und wäre schon bereit gewesen, nachzuschauen….da endlich! Es hat aufgehört zu plätschern. Es folgte eine weitere halbe Stunde der Stille bevor der Mann dann wie aus dem Ei gepellt, gestylt, mit Gel und im Anzug aus dem Badezimmer kam.
Am Abend, vor dem zu Bett gehen, wiederholte sich das Ritual. Mit dem Unterschied, dass er im Pyjama das Badezimmer verliess.

Wir haben uns schnell an den neuen Morgen und Abendfahrplan gewöhnt. Wollten wir rechtzeitig aus dem Haus, stellten wir den Wecker, um ja früher im Badezimmer zu sein
Wollten wir früh ins Bett, holten wir unsere Zahnbürsten vorsichtshalber schon vorher aus dem Bad.

Kurz nach seiner Ankunft wurde Balu krank. Es war tiefer Winter und die tiefen Temperaturen mussten ihm zugesetzt haben. Erst später erfuhren wir von unseren indischen Nachbarn, dass Balu gar keine Jacke hatte. Er ging alle Morgen eines Januars im Pullover zur Busstation. Wir hattten das gar nicht realisiert und es tat und furchtbar leid.

Ein Inder beklagt sich nie. Er ist immer freundlich. Er sagt immer ja. Auch wenn er nein meint.  Einmal luden wir ihn zum Essen ein. Er sagte ja. Ich dachte, dass er sich bestimmt freuen würde über ein schweizerisches Gericht. Ich habe nämlich festgestellt, dass er nicht kocht und wenn, war es eine Fertignudelsuppe aus dem Päckchen.

Ich entschied mich für Älplermakaronen. Da kann man nicht viel falsch machen. Pasta und Kartoffeln, Milch und Käse. Denkste! Beim Essen verriet schon sein Gesichtsausdruck, dass es ihm nicht zusagte. Ich fragte ihn, ob es ihm schmecke. Er sagte, es sei sehr gut. Ob ich ihm noch einmal schöpfen dürfe? Ja gerne. Sein besorgter Blick auf den erneut vollen Teller aber sagte, dass er sich darüber gar nicht freute.

Später erfuhr ich von unseren indischen Nachbarn, dass das schweizerische Essen einem Inder in der Regel nicht schmecke, weil es zu fad und geschmacklos sei.
Nun, seine Statur war ja die eines Bären, man musste sich um sein leibliches Wohl wirklich nicht sorgen. Er würde schon irgendwo Essen herkriegen, dass ihm schmeckt.

Noch einmal zurück zum Badezimmer…zum Schluss wunderten wir uns überhaupt nicht mehr, zum Beispiel über seinen Seifenverbrauch. Aber staunen mussten wir trotzdem. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass er jeden dritten Tag eine neue brauchte. Es muss aber auch erwähnt werden, dass Balu eine durch und durch saubere und angenehme Erscheinung war. Wir waren es für ihn offenbar auch, denn er schrieb uns später in einem Email, wie wundervoll sein Aufenthalt bei uns war.
Was soll man da noch sagen? Wir freuten uns einfach darüber.

Später erfuhren wir von unseren indischen Nachbarn, dass dies sein allererster Auslandaufenthalt überhaupt war. Tja, für uns war es auch die erste Begegnung mit der indischen Kultur. Mittlerweile habe ich durch die Nachbarn gelernt, indisch zu kochen. Sehr geschmacksvoll, muss ich zugeben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s