the China experience

Seine Mutter war Ärztin. Er erzählte immer wieder von ihr und schwärmte von der chinesischen Medizin, welche ihresgleichen auf Erden sucht. Jedes Nahrungsmittel sei Medizin und somit kuriere und halte sich der Chinese ganz natürlich mit seiner Nahrung gesund. 

Der Junge war sichtlich stolz, zu der Gattung der Chinesen zu gehören. In seinem Gepäck waren dann auch etliche Ratschläge seiner Mama in Form von diversen Nahrungsmitteln mitgekommen, die er uns dann allerdings bei seinem Weggehen allesamt hinterliess. Wir hatten schnell gemerkt, dass er es mit den Ratschlägen seiner Mama, wenn es um seine eigene Gesundheit ging, nicht so genau nahm. Er ernährte sich am liebsten von McDonalds, Subway und wie sie alle heissen, und vielleicht wurde er auch deshalb eines Tages krank. Wer weiss.
Jedenfalls erwachte ich in dieser Nacht, weil er im Zimmer nebenan ganz fürchterlich hustete. Weit weg von seiner Heimat und seiner Mama fühlte ich mich plötzlich für den jungen Mann verantwortlich. Ich wollte nachsehen, wie es ihm geht und klopfte an seine Zimmertür. Offenbar war er schon länger wach. Er sass auf dem Bettrand und schaute mich mit grossen Augen an, als ich eintrat und ihn nach seinem Befinden fragte.  Offenbar hatte es ihn richtig erwischt. Neben dem Husten klagte er auch über starke Kopfschmerzen. Das mobilisierte endgültig meine mütterliche Fürsorge. Ich bot ihm an, Tee zu kochen, was er dankbar annahm. Immer noch schaute er mich mit grossen Augen an. Wahrscheinlich überraschte ihn meine selbstlose Hilfe mitten in der Nacht.
Ich drehte mich um und ging in die Küche, setzte Wasser auf und suchte in meiner Apotheke nach Schmerztabletten. „Der Junge geht mir morgen nicht arbeiten“, dachte ich bei mir selber, nahm den Hustentee und den Honig aus dem Schrank und die grösste Tasse, die ich fand und schon bald duftete es würzig fein nach Kräutern. Ich fühlte mich extrem kompetent und zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Fast ergriff mich etwas von der Art einer strengen, aber wohlwollenden Krankenschwester. Mein Tee wird ihm gut tun! Ich brachte ihm die Tasse mit dem heissen Hustentee und ein Glas Wasser inklusive Kopfwehtablette ans Bett, bat ihn eindringlich, die Tablette zu nehmen und den Tee gemächlich zu schlürfen und fragte, ob er auch eine heisse Bettflasche möchte. Grosse fragende Augen. „Eh nei, nein danke“, stotterte er verlegen. Ob er denn sonst noch was bräuchte, fragte ich. Irgendwie hilflos war sein Blick und dann stammelte er etwas von Mama geschrieben und Medikamente schicken. Ah…ok. „Dann versuche doch jetzt zu schlafen und ich gehe auch wieder ins Bett. Morgen schauen wir dann weiter“. Grosse Augen und tschüss. Naja, es gibt halt nichts Besseres als die Mama in einem solchen Moment.

 Auf dem Weg zurück ins Schlafzimmer machte ich noch einen Toilettenhalt, und beim Verlassen den automatischen Kontrollblick in den Spiegel und…haha….laut lachen! Von wegen kompetente Krankenschwester! Wie sehe ich denn aus! Ich hatte völlig vergessen, dass ich vor dem zu Bett gehen ein verdächtiges Kribbeln in den Lippen spürte und diese vorsichtshalber dick mit Zahnpasta bestrich, um einen evtl. Ausbruch von Fieberbläschen schon im Keime zu ersticken. Aber in der Nacht läuft mir der Speichel manchmal aus dem offenen Mund, wenn ich auf der Seite liege. Zusammen mit der Zahnpasta ergab das nun einen cremig weissen Fluss, der langsam die Backe runterlief. Mit dem Drehen auf die andere Seite habe ich alles schön verteilt.  Das Resultat war bemerkenswert.

Nun ja, das Gute war, der Ausbruch der Fieberbläschen hat nicht stattgefunden und unser Mitbewohner war am nächsten Tag recht gesund. Über die kompetente Nachtschwester hat er kein Wort verloren.

 

 Mit der Wäsche ist das auch immer so eine Sache. Am liebsten würde ich das für meine Gäste und Mitbewohner erledigen. Ich mache es nämlich nicht ungern und dann habe ich halt auch meine Macken, dunkle und helle Wäsche bitte getrennt, die Weisse sowieso, und dann mit dem Bügeln…bitte Bügeleisen nicht über aufgeklebte Applikationen gleiten lassen. sie kleben nachher auf dem Eisen, anstatt auf dem T-Shirt.
Ich biete also meinen Wäsche inklusive Bügeldienst freiwillig und gratis an und die männlichen Mitbewohner finden es meistens kuul, während die Frauen sich lieber selber um ihre Wäsche kümmern wollen, was ich gut verstehe. 

Der Chinese war sich allerdings nicht schlüssig, ob er die Wäsche in die Obhut einer Frau, die nicht seine Mama war, geben sollte. Ich spürte, dass ihm das nahe ging, also liess ich ihn seine Wäsche selber machen und zeigte ihm auch den Wäscheständer im anderen Zimmer,  wo er die Kleider aufhängen konnte.
Die Waschmaschine hatte er wohl benützt, aber Wäsche sah ich nirgends aufgehängt und deshalb fing ich mich an zu wundern. Drei Tage später schaute ich in seinem Zimmer nach, ob ich dort nicht seine Wäsche fände. In der Tat…sie lag auf einem Haufen am Boden in der Ecke und feuchtete vor sich hin. Ich nahm mich ihrer an und es schien mir, dass unser Junge ganz froh darum war. Von da an durfte ich seine Wäsche immer waschen. 

 

Mein Mann ist allerdings nicht immer glücklich über den Umstand, dass ich allen Männern die Wäsche mache. Offenbar kann ich seine Socken nicht von den Socken der Gäste unterscheiden und so ist es schon geschehen, dass ich seine Socken einem Mitbewohnern aufs Bett legte. Was mich wiederum erstaunte, dass dieser auch nicht weiss, wie seine Socken aussehen und am Schluss ist er samt den Socken meines Mannes abgereist.
Seitdem passe ich auf, wie ein Häftlimacher , welche Socken ich wem hinlege und im Zweifelsfalle entscheide ich mich für meinen Mann….hehe. Seine Sockenschublade ist im Moment gut gefüllt.

 

 Wenn unser Chinese sich in Bewegung setzte, machte er das mit schnellen kleinen Schritten und dabei hoben sich seine Füsse nur leicht vom Boden ab. Er schwebte fast über das Parkett. So schien es uns jeweils, wenn er um die Ecke getippelt kam. Allerdings lag dort ein kleiner Teppich. Es kam vor, dass der Teppich von den Füssen des Chinesen aufgegabelt wurde und sich um seine Beine herumschlang. Der Chinese schüttelte ihn im Weitertippeln dann jeweils elegant ab und liess ihn auf einem Haufen zurück. Der Vorgang war jedes Mal aufs Neue spannend und hat uns herrlich amüsiert.er 

 

Unsere chinesischen Gäste haben es in sich, das muss ich schon sagen. Da war einer, der war ganz erstaunt, als er bei den Schrebergärten vorbeikam, dass es in der Schweiz Slums gibt. Und dann dachte er auch, dass alle Küchenabdeckungen aus Stein sind, wie zuhause. Das hatte zur Folge, dass er sich nichts dabei dachte und die heisse Kaffeekanne auf die Abdeckung stellte. Sie fand das nicht lustig und warf Blasen auf. Wir mussten die ganze Platte ersetzen. 

 

Und dann waren da noch die beiden Chinesinnen, ich werde sie nie vergessen.  Am Tag ihrer Ankunft wurde ich so richtig krank. Ich konnte ihnen unmöglich absagen. Aber es war mir klar, dass ich nicht wie vorgesehen die drei Tage mit ihnen herumreisen könnte. Sie müssten einfach selber schauen. Mir war elend zumute.

Noch unter der Türe informierte ich sie über mein plötzliches Erkranken und bat sie, mein Unwohlsein zu entschuldigen, ich könne ihnen nicht einmal ein Abendessen kochen. Sie mögen doch einfach selber schauen.

Die Ältere der Beiden überblickte die Situation sofort und sagte, ich brauche mich um nichts zu kümmern, ordnete mir Bettruhe an und ging schnurstracks in die Küche, um mir eine Hühnersuppe zu kochen. Wie die Beiden sich so schnell zurecht fanden und woher sie die Zutaten für die Suppe nahmen, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich habe auch völlig vergessen, sie auf die Abdeckung in der Küche aufmerksam zu machen und das diese schlecht heisse Pfannen vertrüge.  Die Sorge war umsonst. Bessere Hausfrauen hätte ich mir nicht wünschen können. Die beiden Frauen kümmerten sich rührend um mich und um alle, die noch in unserem Haus waren. Ihre Wanderpläne haben sie über den Haufen geworfen. Statt dessen blieben sie die ganze Zeit bei mir. 

Es ist verständlich, dass man unter solchen Umständen schnell wieder gesund wird. Bald fühlte ich mich besser und verbrachte mit den beiden Ladies noch wunderschöne Tage. Eines der besten Couchsurfing Erlebnisse überhaupt.